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Und das Lügen geht weiter….
von Stefan Junker am 25.03.11

In der Neuen Züricher Zeitung vom 23.3.2011 findet sich folgende Passage über radioaktive Belastungen in der Schweiz.

„An den Messstationen in der Schweiz werden derzeit Spuren von Cäsium 137 und Jod 131 gemessen. Diese stammen aber immer noch aus der Wolke von Tschernobyl.“[1] Jod 131 hat eine Halbwertszeit von 8,02 Tagen, wie jeder Nuklidkarte zu entnehmen ist. Es ist absolut unmöglich, daß sich noch meßbare Mengen Jod 131 aus der Zeit des Tschernobyl- Unfalls auf dem Boden der Schweiz befinden. Entweder handelt es sich hier um einen Schreibfehler und in diesem Falle ist dies bereits grob fahrlässig, oder das Isotop entstammt dem aktuellen Unfall aus Fukushima und Meßbehörden wie NZZ belügen die Öffentlichkeit.

Wie dem auch sei „rechnet das Bundesamt für Gesundheit aber nicht damit, dass viel vom japanischen Unglück in der Schweiz landen wird.“ Was für eine diplomatische Formulierung! Sollte doch eine Gefährdung ausgehen, dann hat sich das Bundesamt verrechnet. Dabei müßte dem Bundesamt für Gesundheit bekannt sein, daß jede Erhöhung der radioaktiven Strahlung eine Gefährdung bedeutet – das gehört zu den Grundlagen im Strahlenschutz. Wir haben es auch hier mit einer Lüge zu tun – entweder bewußt durch das Schweizerische Bundesamt verbreitet oder mehr oder minder unbewußt durch eine verfälschende Wiedergabe durch die NZZ.

Wir sollten an dieser Stelle die Beteuerungen wider besseres Wissen rekapitulieren, die noch vor einer Woche ausgeschlossen haben, daß radioaktive Partikel aus Fukushima Europa erreichen könnten.  So ließ die deutsche Bundeskanzlerin noch am 12.3. wissen:

„Ich darf Ihnen sagen, es ist nach menschlichem Ermessen nicht vorstellbar, daß Deutschland von den Auswirkungen des Unglücks in Japan betroffen sein könnte. Wir sind zu weit davon entfernt.“[2] Nach „menschlichem Ermessen“ war auch der Unfall in Fukushima unmöglich. Das Vorstellungsvermögen der Bundeskanzlerin scheint arg gelitten zu haben – müssen wir uns Sorgen machen?

In Österreich hieß es: „Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) hat nach der Atomkatastrophe in Japan auf Grundlage der IAEA-Daten ein Modell entwickelt, das den Weg der radioaktiven Wolke nachzeichnet. Für Europa besteht demnach keine Gefahr.“[3] Grandios! Aufgrund einer Modellrechnung bestehe keine Gefahr.

Und der österreichische Umweltminister gab seine Kompetenz zum Besten, als er für Österreich keine Gefahr bescheinigt: "Unsere Experten sagen, es werde keine radioaktive Wolke nach Österreich kommen". "Es besteht keine Gefahr, dass die radioaktive Wolke bis nach Österreich zieht", läßt er sich im Kurier zitieren.[4] Und ein österreichischer Strahlenschutzexperte flankiert: "Die Distanz ist groß, bis zu uns wird radioaktives Material deponiert, ausgeregnet, das heißt, es wird nichts spürbar sein".[5] Betrachten wir die Argumentation, die auch einem Nichtexperten auffallen müßte. Daß keine „radioaktive Wolke“ nach Europa gelangen werde, ist eine offenkundige Lüge, die jedem menschlichen Verstand widerspricht, der klar erkennt, daß die Erde eine Einheit bildet. So ging auch der Fallout von Tschernobyl um die Nordhalbkugel.[6] Diese Lüge ist so dreist wie dumm, was nicht ihre Verbreitung verhindert hat. Der Regierungs“experte“ will uns verschaukeln und sagt, daß der Grund für das Ausbleiben einer „radioaktiven Wolke“ über Europa in der großen Distanz von Japan nach hier liege. Die Wolke regne sich über dem Pazifik ab und verschwinde dann wohl auch spurlos darin. Wie das halt so mit Regenwolken passiert. Keine Rede davon, daß ein großer Teil der radioaktiven Partikel sich im Meer anreichern und früher oder später auch die Menschen über die Nahrung erreichen wird. Und mit dem Gipfel des Blödsinns schließt der „Experte“ seine  Satz, es werde nichts mehr „spürbar“ sein. Als ob radioaktive Strahlung an sich „spürbar“ wäre. Derartiges bestimmt, regiert und entscheidet über Leben und Gesundheit mehrerer Millionen Menschen!

Dabei ist es jetzt offenkundig, daß radioaktive Partikel Europa erreichen, wie es bereits die Neue Züricher geschrieben hat. In Welt online ist hierzu vermerkt: „Es ist nicht auszuschließen, dass mit den Luftströmungen geringe Mengen an radioaktiven Substanzen auch Deutschland erreichen werden. Aufgrund der großen Distanz zu Japan und den damit verbundenen Verdünnungseffekten in der Atmosphäre wird der hierzulande möglicherweise auftretende Anstieg an Radioaktivität sehr gering sein. Insbesondere wird sie in jedem Fall deutlich unter jenen Werten liegen, die seinerzeit durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verursacht worden sind.“

Die Lüge von gestern wird mit Stillschweigen übergangen, die widerlegende Wirklichkeit zur Kenntnis genommen und mit neuen Lügen unkenntlich gemacht. Der erste Satz klingt sehr beruhigend, wobei wir natürlich gerne wüßten, was unter „gering“ zu verstehen sei? Die Erläuterung, daß die Radioaktivität aber in jedem Fall geringer als nach Tschernobyl sein werde, läßt uns aufhorchen. Denn weniger Radioaktivität als nach Tschernobyl, das ist nicht unbedingt gering!

Und die Wiener Kronenzeitung setzt dem die Krone auf: Die extrem verdünnte und ungefährliche Radioaktivität nähert sich von Westen und wurde laut ZAMG, der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, bereits auf Island registriert. Für die Gesundheit der Menschen in Europa bestehe keine Gefahr.[7] Wenn ich die Macht hätte, würde ich diese hirn- und verantwortungslosen Schreiberlinge dazu verdonnern, nie wieder eine Zeile veröffentlichen zu dürfen, bis sie in der Fachliteratur den Begriff „ungefährliche Radioaktivität“ gefunden haben[8]. Jeder im Physikunterricht aufmerksame Jugendliche weiß, daß jede zusätzliche radioaktive Belastung eine Zunahme an Gefährdung bedeutet, es gibt keine „ungefährliche Radioaktivität“.

Auch wenn ich mich der Gefahr aussetze, zu beschwichtigen, so ist es meine Überzeugung, daß die Folgen der „radioaktiven Wolke“, die jetzt über Europa schwebt, harmlos sein werden, im Vergleich zu der geistigen Pest, welche diese Sippschaft aus Presse, Politik und ihrer selbstgefälligen Expertokratie verbreitet. Denn dieses Lügen, Verdrehen, Verfälschen und Verleumden hat System. Und dabei befinden wir hier uns in Europa und nicht in Japan.



[1] 22. März 2011, 16:58, NZZ Online

[2] Handelsblatt online 12.3. 2011. http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/nicht-vorstellbar-dass-deutschland-betroffen-ist/3945076.html

[3] Kleine Zeitung 12.03.2011 um 11:31 Uhr. http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/2697459/keine-gefahr-radioaktive-wolke-fuer-europa.story

[4] Kurier 13.3.2011, 08:13.

[5] 12. März 2011 13:32:00 http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3941&Alias=wzo&cob=549567&Page11962=10

[6] In 17 um die Welt, die Tageszeitung 15.5.1986.

[7] http://www.krone.at/Nachrichten/Spuren_der_Japan-Radioaktivitaet_auch_bei_uns_messbar-Fukushima-Unfall-Story-252521/utm_source__krone.at/utm_medium__RSS-Feed/utm_campaign__Nachrichten/

[8] Es sind in der Tat ganze Horden, die diesen Satz um die Wette voneinander abgeschrieben haben.

 
Kommentare (2)
Das Lügen geht weiter - Strahlenwerte
2Samstag, den 02. April 2011 um 07:08 Uhr
Maria Bauer
Lieber Herr Stefan Junker, bei uns ist es genau das selbe. Wir bezahlen die für ihre Arbeit, aber die Arbeit die diese Politik liefert (und die angeschlossenen Ministerien) ist unausreichend, keine Frage. Wir haben selbst recherchiert, es war eine harte Arbeit. Stunden über Stunden haben wir gerechnet und gesucht. Und nun nach unserem ganzen Aufwand bis zur völligen Erschöpfung haben wir dann das gestern herausgefunden und heute morgen ins Web gestellt. Bitte schauen Sie hier: http://feuerpferd2-mariabauer.blogspot.com/2011/03/strahlenwerte-nach-japan-und-nach.html
Klasse!
1Donnerstag, den 31. März 2011 um 19:25 Uhr
Michael
So siehts aus, es ist nichts hinzuzufügen!!!
Wie lange müssen wir in dieser Ohnmacht noch leben?
Das Schlimme daran, es fällt ja kaum jemanden auf...

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