Versuch einer Entblödung
Einige
Thesen zu Antisemitismus, Philosemitismus und Zionismus
Auf unzähligen
Internetseiten sowie bei vielen Demonstrationen und Kundgebungen tobt
der Antisemitismusstreit. Dabei geht es in den seltensten Fällen sauber
und korrekt ab. Hier muss jedoch ernsthaft festgehalten werden: Der Antisemitismus
aus der Mitte der Gesellschaft hat einige "Linke" eingefangen.
Andere hingegen
benützen den Vorwurf des Antisemitismus geradezu inflationär. Dadurch
nehmen sie dem Antisemitismus objektiv seinen barbarischen Inhalt. Denn
wenn alles antisemitisch ist, ist der Antisemitismus gar nicht mehr so
schlimm. Es ist deshalb neuerlich an der Zeit, einige Eckpunkte für die
Debatte vorzulegen. Hier wird der zugegebenermaßen arrogante Versuch gestartet,
eine Entblödung einzuleiten.
1. These: Der Antisemitismus ist in Deutschland eine reale Gefahr.
Alle Umfragen
neueren Datums belegen eine dramatische Zunahme antisemitischer Grundeinstellungen
in weiten Teilen der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Dieser Antisemitismus
kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Ein Roland Koch in Hessen versuchte
seine Schwarzgeldaffäre mit verstorbenen jüdischen Spendern abzutun. Jetzt
hat er in einer Debatte im hessischen Landtag die Besitzenden in der BRD
mit den Opfern der Schoah verglichen. Diese Ungeheuerlichkeiten bedienten
mehrere Grundbedürfnisse der deutschen Antisemiten.
Zuerst werden
die Juden im allgemeinen mit Geld in Verbindung gebracht und im nächsten
Schritt wird durch den Vergleich mit den deutschen Vermögenden die Schoah
relativiert. Das trifft sich mit dem Vorhaben großer Teile der politischen
Kaste, "aus dem Schatten der Geschichte herauszutreten". Die zustande
gekommene bundesdeutsche Normalität machte es möglich, dass der Literat
Martin Walser in seinem Roman "Tod eines Kritikers" ungeschminkt eine
literarische antisemitische Tötungsphantasie zu Papier bringen konnte.
Ein Möllemann
griff Michel Friedman mit dem Vorwurf an "durch seine arrogante Art den
Antisemitismus zu fördern." Ergo die Juden sind selber am Antisemitismus
schuld. Ein Herr Karsli gab vorher der rechtsradikalen Jungen Freiheit
ein Interview, in dem er von einer mächtigen weltweit operierenden zionistischen
Lobby sprach. Diese hätte auch den ehem. US-Präsidenten Clinton manipuliert.
Damit bediente Karsli den Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Alle
wesentlichen Bausteine des antisemitischen Wahns werden hierzulande aus
der Mitte der Gesellschaft reaktiviert.
2.These: Die "Linke" und der Antisemitismus
Viele bundesdeutsche
Linke ignorieren den Antisemitismus in Deutschland. Ihr Hauptgegner ist
der Zionismus und der ihn stützende US-Imperialismus. Ihre Vorstellungen
vom Zionismus sind äußerst nebulös. Normalerweise bezeichnen Sie den Zionismus
als Rassismus, oder gar als Faschismus. Damit erklären sie im nachhinein
Albert Einstein, Martin Buber, Berl Katznelson und Ben Gurion zu Faschisten.
Dabei werden
sie von Pseudohistorikern wie Herrn Elam argumentativ abgefedert. Jener
erklärte anlässlich der "Palästinatage" in München (November 02.) Ben
Gurion zum Nazikollaborateur. Genau besehen, hat diese "Linke" keinerlei
historische Kenntnisse und absolut keinen Realitätsbezug. Ihre Kenntnisse
über den Zionismus erschöpfen sich darin, irgendwelche Juden hinter dem
Zionismus zu vermuten.
Aktuell geht
es ihnen darum, nur dem Staat Israel die Existenzberechtigung abzusprechen.
Die unverschämten Kraftausdrücke gegen Israel und den Zionismus sucht
man vergebens, wenn über andere Staaten wie Saudi-Arabien, den Irak oder
Syrien gesprochen wird. Statt vor der eigenen Haustüre zu kehren und den
Antisemitismus hierzulande zu bekämpfen, ist diese "Linke" selbst latent
antisemitisch.
3. These: Die ordinären rechten Antisemiten
In Deutschland
gibt es, von Ausnahmen abgesehen, keine selbsterklärten Antisemiten. Jeder
halbwegs kluge Faschist bezeichnet sich als Antizionist. Ihren antisemitischen
Wahn leben sie unter dieser Parole aus. Dabei stützen sie sich auf den
immer lauter vorgetragenen Antisemitismus aus der bürgerlichen Mitte.
Sie treten körperlich gegen Juden und "Ausländer" in Aktion. Besonders
scheint ihnen die Schändung jüdischer Grabstätten und Gedenkstätten am
Herzen zu liegen.
Wenn sie
publizieren und argumentieren, befleißigen sie sich einer antikapitalistischen
Phraseologie. Diese verbindet den Begriff Kapitalismus einfach mit einer
anonymen Geldmacht, hinter der die Juden stehen. Hier haben viele Linke
im Rahmen der Globalisierungsdebatte eine offene Flanke. In vielen linken
Publikationen ist von einem transnationalen spekulativen Finanzkapital
die Rede.
Diese Definition
des Kapitalismus bietet den Rechten die Chance zu intervenieren. Sie versuchen
zunehmend an linken Debatten teilzunehmen, um die Verworrenheit für eine
rotbraune Querfront zu nützen. Der Antizionismus vieler Linker kommt ihnen
hierbei entgegen.
4. These: Der Philosemitismus ist eine Falle
Ein Teil
der deutschen Linken ist philosemitisch. Jede Kritik am Staat Israel wird
als antisemitisch gebrandmarkt. Dabei wird übersehen, dass die israelische
Gesellschaft äußerst differenziert ist. Es gibt eine israelische Rechte,
eine bürgerliche Mitte und eine israelische Linke. Der Streit über den
politischen Weg ist in der israelischen Gesellschaft angelegt und zugelassen.
Eine Kritik an einer bestimmten israelischen Regierungspolitik ist völlig
legitim.
Dadurch,
dass diese deutschen Linke jede Kritik am Staat Israel als antisemitisch
bezeichnen, verkennen sie den pluralen Charakter der israelischen Gesellschaft.
Zudem bedeutet ein beliebiger Umgang mit dem Begriff Antisemitismus, dass
letztendlich ungewollt der Antisemitismus in seiner menschenverachtenden
Brutalität relativiert wird.
Eine philosemitische
Haltung befördert nicht den Kampf gegen den Antisemitismus, sondern beschädigt
diesen notwendigen Kampf. Denn intellektuell ist der Philosemitismus mit
dem Antisemitismus vergleichbar. Beide gehen von den Juden als abstraktem
Ganzen aus. Für den Antisemiten ist der Jude schlecht und verachtenswert.
Für den Philosemiten hingegen gut und liebenswert. Das führt in der Realität
zu völlig unterschiedlichen Folgen, ist aber ideologisch gleichzusetzen.
Beide Ideologien
ignorieren den konkreten Menschen und konstruieren aufgrund der Abstammung
bestimmte Verhaltensmuster. Beides hat mit Wissenschaft nichts zu tun.
Dennoch ist der Philosemitismus der so genannten "antideutschen Linken"
wesentlich sympathischer als der Antisemitismus vieler in Deutschland.
Max Brym,
Dezember 2002
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