Antisemitismus in München?
In München fand vom 5. bis 11. November 2002 eine sogenannte Palästinawoche statt. Veranstaltet wurde diese Woche vom örtlichen Palästina-Verein. Das "Eine Welt Haus" gilt als gemeinnütziges Projekt . Es ist als linker Veranstaltungsort bekannt. Seit den Palästinatagen wird darüber gestritten, ob es sich um eine Woche mit antisemitischen Inhalten gehandelt hat. Dieser Streit wird auch in langen Leserbriefspalten in der Süddeutschen Zeitung geführt. Folgend mein Leserbrief, den die SZ bis heute nicht veröffentlicht hat. Palästinatage im "Eine Welt Haus" - Antisemitismus im "Eine Welt Haus"Einige Leserbriefschreiber in Ihrem Lokalteil stellen die Palästinatage im "Eine Welt Haus" als normale Infoveranstaltungen im Sinne der Völkerverständigung dar. Weit weisen sie den Vorwurf, diese Woche hätte antisemitische Inhalte transportiert, von sich. Dabei wird schon beim Lesen der Briefe an ihre Zeitung der sekundäre Antisemitismus der Autoren deutlich. So sieht sich ein Herr Haysam El-Tibi bemüßigt festzustellen: "Es ist nicht neu für die deutschen Medien, dass bei jeder Kritik an Israel der Vorwurf des Antisemitismus erhoben wird". Diese Behauptung ist latent antisemitisch und wirklichkeitsfremd. Tatsächlich wird in der deutschen Presse nicht mit einer Kritik an Ariel Sharon und der israelischen Siedlungspolitik gespart. Es gibt in der Tat kein Verbot, die israelische Regierung zu kritisieren. Herr El-Tibi versucht mit der Behauptung, Israel könne nicht frei kritisiert werden zu suggerieren, in Deutschland gebe es ein von anonymen Juden dekretiertes Verbot, sich "frei" über Israel zu äußern. Das erinnert stark an antisemitische Verschwörungstheorien. Die Angriffe von Herrn Ludwig Gernhardt auf ihren SZ-Redakteur Berthold Neff entbehren bezüglich seines Artikels über die Tage jeglicher Grundlage. Das einzige was Herrn Neff vielleicht zum Vorwurf gemacht werden kann, ist, dass er den raffinierten Antisemitismus der Veranstalter noch unterschätzte. So sprach zur Auftaktveranstaltung Herr Hamdan ganz im Sinne Martin Walsers von einer "Auschwitzkeule". Der erste Referent Herr Christoph Steinbrink zeigte das berüchtigte Flugblatt von Jürgen Möllemann und verteidigte dieses. Zudem befaßte sich der Referent häufig mit Frau Knobloch (Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde) und vermittelte den Eindruck, jene hätte in der Stadt München eine ungeheure "Machtfülle". Dieser mit antisemitischen Vorurteilen behaftete Lehrer sprach öfter von der Notwendigkeit, hierzulande "Tabus" zu brechen. Jener Herr besaß die Frechheit, seine Weisheiten als "links" zu deklarieren. In der Diskussion meldete sich dann der primäre oder primitive Antisemit am 5.11.02 häufig zu Wort. Laufend wurde Sharon mit Hitler verglichen und Begrifflichkeiten verwandt wie "Vernichtungskrieg der israelischen Armee". Das zu einem Zeitpunkt, da in München die Ausstellung "Vernichtungskrieg der Wehrmacht" läuft. Der Zweck ist klar: Die deutsche Geschichte wird entsorgt, der Hitlerfaschismus verharmlost - mittels der sog. Palästinasolidarität. Am zweiten Tag der Woche war es noch schlimmer, es sprach am 6.11. ein Herr Shagra Elam über "Holocaust-Industrie" und "Holocaust-Religion". Dieser sog Historiker sprach nicht über die deutschen Profiteure an der Judenvernichtung, nein er sprach über jüdische Profitiere, die aus dem Holocaust eine Religion machten. Den ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion stempelte er zum Nazikollaborateur. Selbstverständlich setzte er Sharon mit Hitler gleich und verglich das Vorgehen der israelischen Armee in Dschenin mit der Niederschlagung des jüdischen Aufstandes in Warschau im Jahre 1943. Nun aber genug mit den Ungeheuerlichkeiten, es muss allerdings festgehalten werden: Unter dem Vorwand mit irgendwelchen Palästinensern solidarisch sein zu wollen, wird der in Deutschland latent vorhandene Antisemitismus angesprochen. Der perfide Vergleich von Sharon und Hitler entlastet den Letzteren. Die ständig konstruierte Gemeinsamkeit zwischen Israel und Hitlerdeutschland bleibt nur dem Land der Opfer der Shoah vorbehalten. Dies hat den Zweck im Nachhinein die Opfer des Holocaust als die eigentlichen Täter abzustempeln. Mit einer Solidaritätsarbeit zugunsten von Israelis und Palästinensern hat das Ganze nichts zu tun.
Max Brym, November 2002 |