Was verbindet und unterscheidet die Jahre 2002 und 1932?
Am 02.07.02 bestritt Heiner Karuscheit in Kalaschnikow, daß der Antisemitismus im heutigen Kapitalismus noch eine gefährliche Erscheinung wäre. Vielmehr behauptet er, daß der Antisemitismus an eine bestimmte Phase des Kapitalismus gebunden ist, die heute um auf die Quintessenz der karuscheitschen Logik zu kommen, vorbei sei. Um diese These zu belegen zitiert er unter anderem Friedrich Engels, der den Antisemitismus als "eine Reaktion mittelalterlicher untergehenden Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft" wertet. Es wird behauptet, daß der Antisemitismus in Deutschland keine Massenbasis mehr im alten Kleinbürgertum, hat. Deshalb ist nach Karuscheit der Antisemitismus für die Linke eine zu vernachlässigende Größe. Bevor der Autor dieses Artikels das Ganze theoretisch anleuchtet, gilt es zunächst die Realität und die Bedeutung des Antisemitismus an Hand von Fakten festzuhalten.
Der aktuelle
Antisemitismus Laut dem Buch von Wolfgang Benz (“Der Antisemitismus in Deutschland”, dtv) aus dem Jahre 1999 gibt es in Deutschland ein Potential von rund 30% der Erwachsenen, die entweder antisemitische Vorurteile hegen und pflegen, oder gar ein geschlossenes antisemitisches Weltbild haben. Benz stützt sich in seinem Buch auf sämtliche Umfragen aller Meinungsforschungsinstitute in Deutschland und gliedert die antisemitische Klientel auch soziologisch auf. Er bezieht sich unter anderem auf eine Umfrage im Bereich der DGB-Jugend wonach 40% der jungen Gewerkschaftsmitglieder nichts mit Juden zu tun haben möchten. Neuere Untersuchungen belegen, daß Jugendliche z.B. in Magdeburg zu 50% er-klären mit keinem Juden befreundet sein zu wollen. Heute im Jahr 2002 kann festgehalten werden, der Antisemitismus ist im Gegensatz zum Jahr 1932 auch eine relevante Erscheinung innerhalb der Arbeiterklasse. Damit ist weniger der Facharbeitertypus in mittleren Jahren gemeint, sondern leider der Jungarbeiter oder die Jungarbeiterin. Im Jahr 1932 stellte sich das Problem, daß weite Teile des alten Kleinbürgertums, aber auch Akademiker antisemitisch dachten und handelten. Heutzutage ist leider zu bilanzieren, es handelt sich beim Antisemitismus um ein Klassen übergreifendes Phänomen, dem im Gegensatz zum Jahr 1932 kein roter Block mehr gegenübersteht. Im Jahr 1932 gab es zur bürgerlichen Gesellschaft eine rote Gegenkultur, die allerdings das Problem hatte, daß sie den Antisemitismus in seiner Dimension unterschätzte. Erst 1932 findet sich in einer KPD Broschüre (Sowjetstern oder Hakenkreuz) geschrieben von Hermann Remmele einer längerer Abschnitt zum Antisemitismus. Allerdings wird in der Broschüre von Remmele im bebelschen Sinne der Antisemitismus verkürzt als "Sozialismus des dummen Kerls" dargestellt. Die historische Erfahrung gerade nach der Shoa sollte lehren: Der Antisemitismus darf nicht verkürzt als Randphänomen bzw. als ein Problem unter anderen behandelt werden, gerade nicht im Jahr 2002 in dem ein Jörg Haider nicht ganz zu unrecht feststellen kann: "Wir repräsentieren in der Stadt Wien die Arbeiter". Der neue Mittelstand in der allseits beschworenen Dienstleistungsgesellschaft ist für den Antisemitismus mehr als anfällig. Ein Beleg dafür sind die Leserbriefspalten der bürgerlichen Zeitungen und vor allem die Homepages der FDP nach den antisemitischen "Tabubrüchen" der Herren Möllemann und Karsli, was von Westerwelle abgefedert wurde. In Zehntausenden von Zuschriften, die die FDP erhielt, findet man durchgängig Texte wie "Endlich sagt mal einer, was für ein ekeliger Typ dieser Friedmann ist, wenn das keine Jude wäre, hätte er keine Sendung." etc. Wer noch weitere Belege für den real existierenden Antisemitismus in Deutschland sucht, sollte die Augen aufmachen, sich mit Juden unterhalten und auch das Kleingedruckte in der bürgerlichen Presse lesen. Kürzlich wurden in Berlin zwei Frauen, nach einer Palästina-Demonstration niedergeschlagen, weil sie den Davidstern trugen. Die Zahl der Friedhofsschändungen gegen jüdische Grabstätten hat in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte Rekordhöhen erreicht. Wer das Innenleben jüdischer Gemeinden in Deutschland kennt, der weiß, daß immer weniger Juden und Jüdinnen darauf wert legen, in Deutschland begraben zu werden, nein, sie schließen teuere Zusatzversicherungen ab, um ihre letzte Ruhestätte in Israel zu finden. Mit der Ruhe meinen es die älteren Menschen ernst. Vor jeder jüdischen Gemeinde in Deutschland stehen bewaffnete Kräfte und die meisten gläubigen Juden setzen die Kipa erst in der Synagoge auf und nicht auf der Straße. In Antwerpen, obwohl es auch dort Antisemitismus gibt, kann man das Gegenteil beobachten, der Jude hat dort noch keine solche Angst wie in Deutschland, sich als Jude öffentlich zu zeigen.
Welche
Bedeutung hat der Antisemitismus für das Großbürgertum? Unter normalen Umständen ist der Großbürger kein Antisemit (Ausnahmen bestätigen die Regel), dennoch ist jedem der Marx gelesen hat klar, auch der Kapitalist ist nicht Herr seiner Entscheidungen, sondern wird von den Konkurrenzgesetzen des Marktes getrieben. In Krisensituationen ist auch im Großbürgertum die Zunahme von Esoterik, Abenteuerertum und Antisemitismus diagnostizierbar. Gegenwärtig befindet sich das deutsche Großbürgertum mit seiner neuen Rolle als Großmacht in Europa in einer Phase der Zeitwende. Die Unterordnung unter die USA ist spätestens seit der Aneignung der DDR vorbei. Es wird gegenüber der USA bei allen Militäraktionen die Partnerschaft in Leadership eingeklagt. Diese gestehen die USA allerdings dem deutschen Imperialismus nicht zu, sondern sie bestehen nach wie vor auf die Unterordnung Deutschlands im Rahmen "gemeinsamer Militäraktionen". Bis dato nimmt das die bürgerliche Klasse in Deutschland noch genervt hin. In Wirklichkeit wird aber an einer anderen Option gearbeitet. Dieses Anliegen liest sich in der verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundeswehr vom November 1992 wie folgt: "Es gehe darum, im deutschen Interesse den freien Welthandel zu garantieren und den Zugriff auf Rohstoffquellen zu gewährleisten." Das Ganze muß nicht nur militärisch, politisch, ökonomisch, sondern auch ideologisch vorbereitet und abgesichert werden. Historiker wie Nolte, "deutschnationales Schriftgut" im Ullstein-Verlag, antisemitische Tötungsphantasien eines Martin Walser sind alles andere als zufällig. Sie treffen sich mit den Ambitionen bedeutender Teile des deutschen Bürgertums, sich von den USA zu entkoppeln. Der Antisemitismus kann hierbei eine Herrschaft stabilisierende Form nach Innen annehmen (das Bürgertum hat historisches Bewußtsein), kann aber auch als Türöffner in die arabische Welt gebraucht werden. Möllemann ist in der arabischen Medienlandschaft aufgrund seines Antisemitismuses zu einer festen und akzeptierten Größe geworden. Der ehemalige Wirtschaftsminister Möllemann, der der deutsch-arabischen Gesellschaft vorsteht und eine private Firma Web-Tec für Wirtschafts- und Exportberatung betreibt, gilt als wichtiger Interessensvertreter der deutschen Industrie im arabischen Raum. Aus jenem Raum bezieht Deutschland wichtige Öllieferungen z.B. aus Libyen und Syrien. (Laut Pentagon - Schurkenstaaten) Im Iran sind deutsche Industrielle die wichtigsten Partner und Deutschland ist über Hermes-Bürgschaften der wichtigste Kreditgeber des Landes. "Eine gute Portion" Antisemitismus ist im arabischen Raum was Geschäfte angeht eher förderlich. Diese Karte und die Zockereien Möllemanns, werden deshalb vom deutschen Großbürgertum beobachtet um zu sehen was herauskommt. Denn andererseits kann man es sich gegenwärtig noch nicht leisten, der USA in irgend einer Form den Krieg zu erklären. Von daher wird Möllemann vom bundesdeutschen politischen Establishment nicht wegen seines Antisemitismus kritisiert, sondern weil er "dem deutschen Ansehen im Ausland schade". (Durchaus wichtig ist noch die USA als starker Absatzmarkt für deutsche Produkte). Dieser Absatzmarkt ist allerdings aufgrund rapide schwindender Massenkaufkraft in den USA am abnuckeln. Das Bürgertum schwankt demzufolge hin und her. Es gibt aber auch einen Punkt ohne Schwankungen.
Deutsche
Militäreinsätze und soziale Härten Der Antisemitismus wird bewußt reaktiviert, um vor allen Dingen den z.B. durch die Telekom-Aktie auf die Schnauze gefallenen Kleinbürger zu trösten. Er ist nötig, um wirtschaftliche Härten zu rechtfertigen, die die unteren Schichten treffen und nicht einfach mit dem Argument (Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg.) weggewischt werden können. Die bereits zur Gewohnheit gewordenen Bundeswehreinsätze im Ausland müssen ideologisch untermauert werden. Nachdem sich die Bush-Rhetorik deutlich unterscheidet von der Rhetorik eines Bill Clinton (Bush spricht vom Kampf gegen den Terror, Clinton sprach vom Kampf um die Menschenrechte) ändert sich auch die bundesdeutsche Rhetorik. Einerseits wird Bush imitiert, es ist aber auch noch ein Schuß Clinton dabei, andererseits wird durch die Hintertür der Antisemitismus bewußt in modernisierter Form eingeführt. Nur in Deutschland werden israelische Militäraktionen laufend von führenden Gestalten mit den Methoden der Hitlerwehrmacht und des Naziregimes verglichen. Dieser Vergleich ist nur Israel vorbehalten, findet aber keine Anwendung auf die barbarische Kriegführung Rußlands inTschetschenien oder der Untaten nordsudanesischer Milizen im Süden den Sudan. Der Zweck ist klar: "Wenn die Israelis sich aufführen wie Nazis, dann war der Nazismus gar nicht so schlimm und es gibt schon gar keine Argumente mehr gegen neuzeitliche bundesdeutsche Militäreinsätze." Dieser instrumentalisierte Antisemitismus durch die herrschenden Schichten befördert und weckt den Antisemitismus in Deutschland generell, der über Jahrzehnte eine selbständiges Phänomen in diesem Land geblieben ist.
Max Brym, Juli 2002 |