„Antideutsche“ und „Nationalbolschewisten“
zwei Seiten einer Medaille


Historische Ereignisse wiederholen sich nach Marx, er schrieb von einer Tragödie und einer Farce. Die Debatte über das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ sowie die Artikel der Jungen Welt oder der Bahamas zu Jugoslawien, Kosova, Israel, Irak und Tschetschenien verdeutlichen, dass es auch einen historischen Rückschritt in der „linken“ Diskussion geben kann. Die Pöbeleien zwischen den Antideutschen (z. B. Bahamas) und den „Nationalbolschewisten“ (Junge Welt etc.) haben das Niveau mittelalterlicher Scholastik erreicht. Zur Ehre der mittelalterlichen Scholastiker sei gesagt, sie wahrten in der Debatte über die Frage, „wieviel Engel auf einer Nadelspitze tanzen können“, Stil und Anstand.

Letzteres ist im „linken“ Diskurs eher selten der Fall, zudem fehlen Dialektik und Materialismus. Statt dessen dominieren Gefühle, Stimmungen und Denunziantentum das Geschehen. Jede Frage wird nicht um ihrer selbst willen behandelt, sondern meist nach dem Motto: Was paßt in meinen deutsch zentrierten theoretischen Bauchladen. Dabei merken die Kontrahenten meist nicht, dass sie von den gleichen theoretischen Prämissen ausgehen. Dieser wahrhaft deutsche Zustand gehört kritisiert. Die Kritik erfolgt in Thesenform, adressiert ist diese Kritik an das Umfeld der Bahamas sowie an die Junge Welt und die DKP. Speziell wird die Positionierung beider Strömungen zu Israel und Ex-Jugoslawien abgehandelt, denn diese Beispiele eignen sich hervorragend zur Polemik.


1. Israel

a) Sharon ist ein Politiker der israelischen Rechten. Seine politischen Grundpositionen verdienen keinerlei Unterstützung. Menschen in Israel und Palästina leiden unter der Politik des rechten israelischen Bürgertums. Wenn die israelische Linke diese Politik bekämpft, dann ist das gut und nicht schlecht. Paradox ist der Zustand, dass es nur in Deutschland eine „Sharon-Linke“ gibt. Die „Antideutschen“ nennen jede Kritik an der israelischen Staatspolitik antisemitisch. Damit ist die Debatte beendet und der Begriff Antisemitismus seitens der „Antideutschen“ entstellt und verharmlost. Ihre Haltung wird von ihrer deutschen Befindlichkeit geprägt.

b) Die Junge Welt hingegen bekämpft wütend den Zionismus. Für diese Leute (Artikel von Pirker u.a.) gibt es kein Existenzrecht Israels. Mit der Fixierung auf das „Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser“, wird nur den Juden das Recht auf einen eigenen Staat abgesprochen. Sie stellen, indem sie mit dem Kampfbegriff Zionismus agieren, die Juden als einheitlich reaktionäre Masse dar. Für die „Nationalbolschewisten“ gibt es ein positives, historisch im Recht befindliches Volk, die Palästinenser sowie ein reaktionäres Gegenvolk die Zionisten ( Fast alle Israelis wünschen einen eigenen Staat und sind demzufolge Zionisten). Die Konzeption der Jungen Welt ist völkisch und latent antisemitisch.

c) Die „Antideutschen“ und „Nationalbolschewisten“ vertreten nationalistische Positionen. Für die „Antideutschen“ ist alles was der israelische Staat tut in Ordnung. Mit der Staatspolitik identifizieren sie alle Menschen in Israel . Unter den Palästinenser vermuten sie nur fanatische, gewaltbereite Antisemiten. Indirekt geben sie damit die Haltung der Hamas wieder, die es ebenso darstellt. Die Realität wird ausgeblendet, natürlich gibt es unter den Palästinensern eine faschistoide fundamentalistische Strömung, die bekämpft gehört. Aber es gibt auch andere Kräfte. Nationen teilen sich bekanntlich in fortschrittliche und reaktionäre Menschen. Marx bezeichnete den Klassenkampf als Motor der Geschichte. Die deutschen „Nationalbolschewisten“ hingegen rechtfertigen alle reaktionären Kräfte der palästinensischen Gesellschaft und äußern Verständnis für faschistisch islamistische Terroristen. Der Raum den die „Junge Welt“ „ israelische Verbrechen“ gibt, verklärt Israel zum Weltschurkenstaat Nr. 1 und zeigt damit wohin der Hase läuft. Nichts über die gefundenen Massengräber im Irak, nichts über die Massaker in Tschetschenien in der Jungen Welt dafür immer feste drauf auf Israel. Ein Schelm wer hinter dieser Berichterstattung böses vermutet.


2. Ex- Jugoslawien

a) Bezogen auf Ex- Jugoslawien haben die „Antideutschen“ und die „Nationalbolschewisten“ fast identische Positionen. Für beide Fraktionen sind die blutigen Ereignisse auf dem Balkan Resultat einer internationalen Verschwörung. Die Ex- Maoisten um Justus Wertmüller (Bahamas) vergaßen vollständig die Worte des Vorsitzenden Mao: „ Wenn ein Huhn ein Küken ausbrüten will, muß es sich auf ein Ei und nicht auf einen Stein setzen“. Ergo wenn es in Jugoslawien keine Krise und keinen nationalistischen Wahn gegeben hätte, dann hätten sämtliche diplomatischen und geheimdienstlichen Versuche von außen nichts gebracht. Die inneren Widersprüche waren entscheidend, für das dramatische Scheitern Jugoslawiens. Diese einfache Erkenntnis ist weder bei den „Antideutschen“ noch bei der „Jungen Welt“ zu finden.

b) Unterschiedlicher Meinung sind die „Antideutschen“ und „Nationalbolschewisten“ in der Frage welcher Imperialist entscheidend die Zerschlagung Jugoslawiens bewerkstelligt hat, der „US- Imperialismus oder der „deutsche Imperialismus“. Für die „Antideutschen“ war „Deutschland“ entscheidend, auf den Begriff Imperialismus verzichten die Bahamiten. Die Junge Welt ist sich in der Frage welcher Imperialismus teuflischer war nicht ganz sicher.

c) Absolut identisch sind Bahamas und Junge Welt in der Ignorierung des serbischen Nationalismus. Für beide war grob gesagt, das serbische Volk mit seiner Führung der gute Teil. Obwohl Bahamas das Wort Volk fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, demonstrierten sie in den neunziger Jahren mit Milosevic Anhängern und serbischen Faschisten durch bundesdeutsche Straßen. Gemeinsam mit Lesern der Jungen Welt und DKP Aktivisten. Wüster serbischer Chauvinismus wurde akzeptiert und die anderen Nationalitäten in Ex- Jugoslawien attackiert. Letzteren wurde Nationalismus und eine proimperialistische Rolle attestiert. Dass der Großserbische Nationalismus verschiedene Nationen in die Hände westlicher Mächte trieb, wurde ausgeblendet. Genauso wie die Massenmorde und Verbrechen durch serbische Formationen einfach geleugnet wurden. Es wurde und wird nur von Verbrechen kroatischer und bosnischer Verbände gesprochen (solche Taten gab es durchaus).

d) Haßobjekt UCK
Die Entstehung der UCK wurde als „imperialistische Geheimdienstaktion“ eingeschätzt. Zu dieser Position gelangt man nur, wenn die reale Unterdrückung der Albaner im alten Jugoslawien geleugnet wird. Unabhängig von der späteren Entwicklung, war die Gründung der UCK und der Erfolg der UCK ein Resultat der rassistischen Unterdrückung der Kosova- Albaner durch den serbischen Staat. Aber die beiden deutschen „linken“ Fraktionen können die Welt nur durch eine deutsche Verschwörungsbrille betrachten.


Fazit

Die „Antideutschen“ und „Nationalbolschewisten“ fechten einen Streit unter Brüdern aus. Brüder haben meist Gemeinsamkeiten und Differenzen. Dennoch kann auch eine verfeindete Bruderschaft nützliches für andere leisten. Der Streit unter Brüdern hat aber stets einen abgeschlossenen und sektenhaften Charakter. Außenstehende bekommen den lauten Familienärger ab und sind dadurch belastet. Da der Ärger nicht zu vermeiden ist, gilt es zu bilanzieren: Die Familienfehde zwischen „Antideutschen“ und „Nationalbolschewisten“ schädigt das Umfeld und ist kontraproduktiv.

Beide Familien stehen auf nationalistischem Boden. Die „Antideutschen“ beziehen sich bereits durch den Namen auf die deutsche Nation. Im Gegensatz zu den bekennenden Nationalisten ist für sie Deutschland grundsätzlich schlecht. Der deutsche Nationalist hat die gegenteilige Meinung von Deutschland. Beide stehen auf dem Boden von Kaiser Wilhelm II., der im August 1914 erklärte: „Ich kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche.“

Die „Nationalbolschewisten“ sehen in den USA und in Israel ihren Hauptgegner. Auch hier steckt Nationalismus im Paket, obwohl das Paket anders beschriftet ist. Zudem leugnen die „Nationalbolschewisten“ die Relevanz des Antisemitismus in Deutschland, dadurch befinden sie sich im politischen Mainstream, obwohl der Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft immer deutlicher wird.

Die „Antideutschen“ haben durch den inflationären Gebrauch der Begrifflichkeit Antisemitismus objektiv die Funktion, den Antisemitismus zu verharmlosen. In internationalen Fragen streiten sich die „feindlichen Brüder“ über Israel und den Irak. Oberflächlich betrachtet ist dazu die Position der „Antideutschen“ sympathischer, jedoch ist sie wie üblich von Oberflächlichkeit und Nationalismus gekennzeichnet. Die USA und der Staat Israel sind grundsätzlich positiv für die „Antideutschen“, alle anderen sind negativ.

Die Junge Welt vertritt genau den gegenteiligen Unsinn, bedenkenlos solidarisieren sie sich mit dem irakischen Widerstand und verklären die Hamas. Unsere „feindlichen Brüder“ finden wieder zusammen, wenn es um die kurdische und tschetschenische Nationalbewegung geht. Die „Antideutschen“ bekommen bei der Forderung „ Nationales Selbstbestimmungsrecht“ einen sofortigen Tobsuchtsanfall und die „Junge Welt“ hält die „Tschetschenen“ und „Kurden“ für US-Agenturen. In Wahrheit spekulieren deutsche Brüder am liebsten über internationale Fragen frei nach dem Motto: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Dieser Unsinn verbindet bestimmte Rechte und „Linke“ in Deutschland.


Max Brym