Die
Bourgeoisie, Kanzler Schröder und die Kommissionen
Notizen
und Gedanken
Das Aufschlagen
einer gewöhnlichen bürgerlichen Tageszeitung verdirbt schon am frühen
Morgen den Genuß des Kaffes . Laufend apellieren Leute wie Roland Berger
oder andere Vertreter der Industrie direkt an den Arbeitslosen, doch die
" Hängematte" zu verlassen.
Dem der es
noch zustande bringt, seine Ware Arbeitskraft täglich in eine Fabrik oder
in ein Büro zu schleppen, wird geschmeichelt aber auch gedroht. Die Schmeichelei
besteht darin, ihm zu sagen, er müsse froh und dankbar sein sich abwerkeln
zu dürfen. Dem wird gleich eine Drohung hinterhergeschickt, er müsse sich
im Interesse der Gesamtheit jegliches Anspruchsdenken abschminken.
Auffällig
ist dabei folgendes, dass neben dem Kanzler immer direkter die Bourgeoisie
selbst in den Gazetten diese Weisheiten zum Besten gibt. Der Chef des
BDI Rogowski, der Boß der größten Unternehmensberatungsfirma Berger oder
ein Herr Lejuene erscheinen mit Interviews beinahe täglich, nicht nur
im Handelsblatt, sondern in allerlei Boulevardzeitungen.
Was ist daran neu?
Die Mär von
den angeblich faulen Arbeitslosen ist in der Tat ein alter Hut. Neu ist
allerdings der Ton, dem sie ausgesetzt sind. Neu ist auch die direkte
Einführung der rechtlosen " Sklavenarbeit" die sie beglücken soll. Das
ganze nennt sich Schaffung eines Niedriglohnsektors für Leiharbeit. Vater
des Gedankens und praktischer Initiator, war der VW-Manager Peter Hartz.
Seine Kommission war der Wahlkampfschlager von Gerd Schröder. Ob das die
SPD Anhänger unter dranbleiben Gerd verstanden haben wollten, bleibt zu
fragen.
Neu ist das,
daß sogenannte Spezialistentum um sich greift und die politisch parlamentarische
Kaste ganz offen die "Experten" handeln läßt. Diese Expertengremien bringen
die Bourgeoisie direkt in den politischen Alltagsrummel. Auch die Rürup
Kommission soll die entscheidenden Weichenstellungen für soziale Grausamkeiten
im Bereich Rente und Gesundheit durchsetzen. Auch hier mischt die Bourgeoisie
direkt den Brei. Wie dieser Brei zubereitet werden soll, deutete die SZ
am 3.1.03 an.
Ein Mitglied
der Kommission will den Krankenversicherten zumuten, pro Jahr 900 Euro
selbst für Behandlungen und Medikamente auszugeben. Jener Herr vom Bundesverband
der deutschen Industrie verriet das laut Zeitungsbericht vertraulich einem
ihm bekannten Journalisten. Auffällig ist, daß die Bourgeoisie offensichtlich
nicht mehr über das nötige Vertrauen in die politische Kaste und das parlamentarische
Getriebe verfügt.
Ein Peter
Harz wirft nun dem Kanzler vor, er habe das Hauptstück seines Konzepts
herausgebrochen, indem er den Gewerkschaften eine tarifliche Absicherung
der Leiharbeit zusicherte. Umgehend stellten Clement und Schröder dies
richtig. Schröder machte in einem Interview in der Zeit deutlich, "daß
es jetzt schon Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen gebe".
Weiter verwies
Schröder auf die Vernunft der deutschen Gewerkschaften und im übrigen
müssen Tarife für Leiharbeiter nicht mit den Löhnen und Gehältern der
Stammbelegschaft übereinstimmen. Schröder erklärte in dem Zeit Interview
wörtlich:"Dreißig Prozent weniger dürfe das schon sein" Was er nicht erwähnte
ist, dass die Regierung die Leistungen für Arbeitslose gerade wieder drastisch
kürzte und somit die Vermittlung in Niedriglohnjobs vorantreibt.
Das von den
Unternehmern so sehr beklagte Kündigungsschutzgesetz gilt nicht für die
Leiharbeit. Trotzdem bemäkeln die Besitzenden hierzulande lautstark wie
nie, die "Reformunfähigkeit" der politischen Kaste und fordern weitere
Gremien bestehend aus Fachleuten.
Was verbirgt sich dahinter?
Es ist in
Deutschland nichts Neues in Krisensituationen nach scheinbar neutralen
Fachausschüssen zu rufen. Selbstverständlich werden jene am besten mit
Vertretern der Großindustrie und der Bankenwelt besetzt. Dahinter verbirgt
sich folgendes Problem: Die deutsche Industrie hat enorme Kapitalverwertungsprobleme,
die Kapazitäten sind nicht ausgelastet, da keine Kaufkraft für die erzeugten
Produkte vorhanden ist. Die Märkte werden immer enger und die Konkurrenz
schärfer.
Diese "Probleme"
der Kapitalverwertung sind nicht jedem "Volksvertreter" eingängig. Auch
vermag er nicht jede soziale Grausamkeit an seine potentiellen Wähler
zu vermitteln. Er sucht vor allem, wenn er gewerkschaftlich verankert
ist, nach einem faulen Kompromiß. Zu diesem Kompromiß ist das Kapital
jedoch immer weniger bereit. Deshalb die Kampagne gegen Verbände und Gewerkschaften,
die sich nicht bedingungslos der nationalen Aufgabe unter der Führung
eines politisch aktiven Bürgertums verschreiben wollen.
In der deutschen
Geschichte ist das nichts Neues. Wenn keine Übereinstimmung unter den
Parteien erzielt werden konnte, wurden Kabinette von Fachleuten (wie das
berühmte Kabinett Cuno im Jahre 1923) gebildet, die angeblich über den
politischen Parteien und deren Streitigkeiten stehen. Dieses Zerrbild
einer bürgerlich parlamentarischen Republik wurde in den zwanziger Jahren
zum Ideal der Reaktionäre, denn es erlaubte ihnen, ihre antidemokratische
Politik unter dem Deckmantel des Experten zu verbergen.
Die Experten und die neue "APO"
Die Experten
begreifen sich als Speerspitze einer neuen APO. Von den gutverdienenden
Spießbürgern wird Rabatz gemacht. Es muß Schluß gemacht werden mit den
egomanischen Sonderinteressen, predigt an jeder Straßenecke der Besitzbürger.
Jedes Kaffeehaus gibt diesen Wortschwall wieder. Der Spießer hat die Meinungsführerschaft,
inspiriert von den Gazetten und den immer dreister werdenden Auftritten
der Industriebosse in den Medien. Kommissionen und nochmals Kommissionen,
so schalt es uns entgegen.
Die Fachleute
sind angeblich gefragt und nicht mehr soziale Forderungen. Der Ruf nach
Expertengremien die das Volk führen sollen, sei angesagt. Das Bürgertum
will das politische Alltagsgeschäft selbst übernehmen. Die politisch parlamentarische
Kaste steht dieser Tendenz mit gemischten Gefühlen gegenüber. Jene sehen
sich nicht gern in ihrer Bedeutung reduziert, finden aber auch gefallen
an den Experten, denn die Experten können unter Umständen im Wahlkreis
nach dem Motto benützt werden: "Ich kann nicht anders, die Experten raten
uns dazu".
Max Brym,
Januar 2003
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