Rezension
Götz Alys "Hitlers Volksstaat"
Ein Wissenschaftler auf Abwegen
Das Buch von Götz Aly „Hitlers Volksstaat Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“ erschienen im „S. Fischer Verlag“ wird in den Feuilletons der großen Zeitungen als „wissenschaftlicher Wurf“ groß abgefeiert. Im „Spiegel“ Nr. 10/2005 wurde ein langer Artikel von Aly unter dem Titel „Die Wohlfühldiktatur“ abgedruckt. Worum es dem Autoren geht, macht er sofort deutlich: „Wer die verbrecherische Dynamik des Nationalsozialismus verstehen will, sollte nicht länger auf die Großbanken und Konzerne starren.“
Sowohl in dem Artikel, wie in seinem Buch gibt Aly provokante Thesen zum Besten. Der faschistische „Rassenkrieg“ den Aly unzulässig auf den Krieg gegen die Juden eingrenzt, habe zum Aufbau eines „Volksstaates“ im Zeichen eines „nationalen Sozialismus“ geführt. Aly unterstellt den Nazis, sie hätten ihre „völkischen Gleichheitsversprechen“ weitgehend eingehalten. Aly ist in dem Buch der Meinung, dass es zu einem „Rückbau der Klassenschranken“ gekommen sei und man demzufolge von „Sozialismus“ sprechen könne. Als Beleg für diese absurde Behauptung nimmt Aly die Bezahlung der deutschen Soldaten, eine Rentenerhöhung und einen hohen Körperschaftssteuersatz für Unternehmen. Die „sozialen Wohltaten“ seien finanziert worden auf der Basis eines „umfassenden Raub- und Rassekrieges“.
Nach Aly ist der Krieg „nicht zum Vorteil von Junkern und Monopolisten geplant worden, die Nutznießer seien vielmehr „Millionen einfacher Deutscher“ gewesen. Dass sich auch einfache Deutsche am Genozid und Raub beteiligten ist bekannt und wird in dem Buch auch in einigen Passagen anschaulich geschildert. Aus dem Ganzen jedoch „ Sozialismus“ und „Wohlfühldiktatur“ zu machen ist wissenschaftlich haltlos und politisch gefährlich.
Wie kommt Aly zu seinen Thesen?
Aus den Erkenntnissen von Goldhagen über das Verhalten „gewöhnlicher Deutscher“ schöpft Aly zurecht, aber dabei bleibt er nicht stehen. In Wahrheit geht er der nationalsozialistischen Propaganda auf den Leim. Propagandistischen und keineswegs analytischen Charakter haben bereits die zentralen Begriffe "nationaler Sozialismus" und „sozialer Volksstaat“ (Hitler), die Aly bedenkenlos übernimmt und als wahr voraussetzt. Permanent zitiert Aly aus den Tagebüchern von Geobbels, die dieser bekanntlich in propagandistischer Absicht für die Nachwelt niederschrieb. Jede Bemerkung von Goebbels „gegen die Reaktion“ zitiert Aly genüßlich und beschert damit dem Nazi-Propagandaminister einen nachträglichen Triumph. In vielen Passagen seines Buches ist Götz Aly dem „schönen Schein“ des Dritten Reiches aufgesessen. Der an einem Tag öffentlich „Eintopf“ essende Göring blendet den Historiker Aly.
Das hätte nicht sein müssen. Die zentralen Kapitel seines Buches über die rücksichtslose Ausplünderung der von deutschen Truppen besetzten Länder Europas und über die „Arisierung“ des Eigentums der europäischen Juden sind wirklich gut recherchiert. Aly hat auch Recht mit der Bemerkung, „dass der Raub und Rassekrieg, keineswegs nur ideologisch, sondern vor allem ökonomisch motiviert war“. Allerdings geht er sofort wieder der Nazipropaganda auf den Leim, denn Aly unterstellt den Nazis, den Krieg wegen der „Sorge“ um das „Volkswohl der Deutschen“ geführt zu haben. All das ist gefährlicher Unsinn mit fatalen Folgen für Geschichtsschreibung und Tagespolitik.
Aly stellt die Geschichte auf den Kopf
Bekanntlich wurde Hitler nur Kanzler, nachdem sich alle Fraktionen des Kapitals auf ihn verständigt hatten. In einem Brief an Reichspräsident Hindenburg im November 1932 forderten die wichtigsten Vertreter des deutschen Finanzkapitals die Kanzlerschaft Hitlers. Dies nachdem die Nazis im November 1932 zwei Millionen Stimmen anläßlich der Reichstagswahlen verloren hatten. Goebbels spricht in seinem Tagebuch davon, „dass wegen der Krise in der Partei Hitler daran denke, sich zu erschießen“. Die Konzerne im Bund mit der alten Staatsbürokratie retteten Hitler, damit er ihre „Kapitalverwertungsmisere“ beende. Dies setzte eine Politik der vollständigen Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung und ihrer Gewerkschaften voraus.
Diesen Klassenauftrag der Bourgeoisie setzte die Nazibewegung rücksichtslos um. Streiks waren verboten und im „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ vom Januar 1934, wurde das Führerprinzip in den Betrieben fixiert. Der Chef war der „Führer“ und die „Arbeiter die Gefolgschaft“. Die Industrie wurde durch ein gigantisches Rüstungsprogramm angekurbelt, dem keine Steigerung des Reallohnes folgte. Der Reallohn der Arbeiter erreichte in keiner Phase des "Dritten Reiches“ den Stand von 1928. Allerdings gelang es unter der Parole "Kanonen statt Butter“ (Göring) annähernd Vollbeschäftigung herzustellen.
Die Hochrüstung wurde über Kredite, die sogenannten Mefo-Wechsel, finanziert. Selbstverständlich mußte diese Politik zum Krieg führen, aber doch nicht „um die Bedürfnisse der Volksgenossen“ zu befriedigen, wie Aly behauptet. Im Gegenteil, der nazistische Raubkrieg wurde durch die Spitze der deutschen Industrie ermöglicht und war in deren Interesse. Es ist wissenschaftlich unredlich, wenn Aly nirgendwo in seinem Buch auf die realen Profite der Konzerne vor und während des Krieges eingeht. Statt dessen fabuliert er über die Höhe der Körperschaftssteuer, wobei selbst jedem wirtschaftlichen Laien klar ist, was solche nominellen Steuersätze besagen. Nämlich nichts.
Die Creme der deutschen Industrie bildete ziemlich bald einen „Freundeskreis Reichsführer SS Heinrich Himmler“. Dies taten sie nicht, um irgendwelche „Sozialisten“ (Aly) zu unterstützen, sondern weil neben dem Krieg die Konzentrations- und Vernichtungslager Maximalprofit garantierten. Nicht umsonst sollte Krupp 1945 auf der Bank beim Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg sitzen. Es war völlig logisch, in alliierten Untersuchungsberichten (OmGus Berichte) die Auflösung der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und der Commerzbank zu empfehlen. Mit Recht saß Opa Flick einige Jahre im Gefängnis, denn er hatte das 1933 existierende mittelständische Unternehmen Flick bis zum Jahr 1945 in eine großindustrielle Macht verwandelt. Heute zeigt der Flick Enkel, mit dem Segen des Kanzlers in Berlin, die elterliche Kunstraubcollektion.
Jahrzehnte weigerte sich die deutsche Industrie, Zahlungen an Zwangsarbeiter zu leisten. Erst im Jahr 2000 erklärten sich die Herren damit einverstanden, 5 Milliarden DM in einen Fonds zu bezahlen. wobei die Hälfte umgehend von der Steuer abgesetzt werden konnte. Bekanntlich erzielte die deutsche Industrie im Jahr 1944 ihre höchsten Profitraten in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Wesentlich dafür war der schrankenlose Zugriff auf Zwangsarbeiter und KZ-Insassen. Natürlich war der deutsche Arbeiter damals weit über dem genannten „Ausbeutungsmaterial“ angesiedelt. Dennoch ist es wichtig festzustellen: Das war kein Sozialismus, sondern bastardisierter Kapitalismus in Reinkultur. Aber über den Kapitalismus will Aly nicht reden, vielmehr über den angeblichen Sozialismus des Dritten Reiches, damit bedient er objektiv die „Nazilegende“.
Aly und neoliberale Geschichtsentsorgung
Gegenwärtig ist es Mode, jede soziale Forderung als „irrig“ und „altbacken“ abzuschmettern. In jeder Talk-Show wird der individuellen Leistungsbereitschaft, dem Einsatz der Ellenbogen, ein Loblied gesungen. Der radikale Abbau sozialer Errungenschaften wird als Erfolg verkauft. Modern ist, was die Gewinne weniger auf Kosten der Allgemeinheit steigert. Das soll die besondere Duftmarke der „Freiheit“ sein. Die bürgerliche Medienwelt greift jeden Widerstand gegen diese Politik und Ökonomie, als totalitär, kommunistisch oder gar nazistisch inspiriert an. Der Widerstand gegen Hartz IV wird in vielen Berichten der NPD zugute gehalten. Das ist eine unverschämte Lüge.
Jetzt hat sich zudem der Historiker Aly gefunden, der scheinbar alle Erkenntnisse über den Faschismus über den Haufen wirft. Die deutschen Banken und Konzerne bekommen von Aly einen schönen vergangenheitspolitischen Persilschein ausgestellt. Schuld am Desaster waren „nationale Sozialisten“ und das Volk. Damit ist die Geschichte auf den Kopf gestellt, der aktuelle Naziagitator profitiert von diesem Unsinn und der BDI erscheint aktuell als die allerhöchste demokratische Instanz.
Max Brym
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