Jugoslawien -
Chaos und ökonomisches Desaster
Am 8. Dezember
fanden in Serbien neuerlich Präsidentschaftswahlen statt. Das Resultat
war grausam. Kostunica der sich selbst als konservativer Patriot ausgibt,
erreichte 58 Prozent, der abgegebenen Stimmen. Der Führer der faschistischen
Serbischen Radikalen Partei Seselj kam auf erstaunliche 36 Prozent. Jener
Seselj ist ein enger Freund von Jean Marie Le Pen und ein Bewunderer von
Saddam Hussein.
Aus dem Gefängnis
in Den Haag erging der Ruf von Slobodan Milosevic an seine Anhänger, den
Faschisten Seselj zu wählen. Dennoch hat Serbien keinen neuen Präsidenten,
die offizielle Wahlbeteiligung lag wieder unter 50 Prozent. Das Wahlgesetz
sieht jedoch eine Wahlbeteiligung von mindestens 50 Prozent vor. Kostunica
ist stinksauer, er bezichtigt den serbischen Ministerpräsidenten Djiindjic,
die Wahl manipuliert zu haben. Dieser hatte zur Wahl keinen aus dem eigenen
Lager aufgestellt.
Jetzt wird
er von Kostunica mit einem Putsch bedroht, da angeblich in den Wählerlisten
830000 Phantome aufgetaucht seien. Ohne diese Phantome, so Kostunica,
wäre die Wahlbeteiligung bei 51,7 Prozent gelegen. Damit wäre Kostunica
Präsident in Serbien geworden. Im Januar ist er seinen Job los, denn Jugoslawien
wird per Verfassungsänderung in Serbien und Montenegro umgetauft. Ab Januar
wird es kein Jugoslawien und demzufolge auch keinen jugoslawischen Präsidenten
mehr geben.
Die DSS (Serbische
Demokratische Partei) von Kostunica überlegt nun, wie sie die Regierung
Djiindjic am besten stürzen könnte. Die Nationalisten erwägen, mit Seseljs
Rechtsextremisten und den Überresten der "Sozialistischen Partei Milosevics,
eine gemeinsame parlamentarische Front zu bilden, die die Regierungsarbeit
blockiert.Gelänge das, müßte Djiindjic bald Neuwahlen ausrufen. Auf diesem
Weg hofft Kostunica der in Serbien immer noch populärer ist, als Djiindjic,
den Machtkampf für sich zu entscheiden.
Der Inhalt des Machtkampfes
Djiindjic
ist in Serbien weitgehend unpopulär . Nach den Plänen von Djindjic sollen
bis zum Jahr 2005 alle staatlichen Aktiengesellschaften zugunsten westlicher
Investoren privatisiert sein. Er stützt sich auf neoliberale Intellektuelle
sowie auf bestimmte Mafiastrukturen. Seine Hauptunterstützer befinden
sich jedoch in den westlichen Metropolen. Besonders erwähnenswert ist
hier sein Freund Joschka Fischer, die kennen sich noch aus gemeinsamen
Tagen in Frankfurt.
Die jugoslawische
Außenhandelsbilanz unterstreicht diese Freundschaft ökonomisch. Der Import
von Waren aus der BRD liegt mit 13,4% ( Fischer Weltalmanach 2003) an
erster Stelle. Die Auslandsverschuldung lag im Jahr 2000 bei fast 12 Milliarden
Dollar. Ein größerer Teil der Ansprüche liegt in der Hand von deutschen
Banken. Jedoch gibt es in Serbien fast keinerlei deutsche Kapitalinvestitionen.
Das soll sich ändern, deshalb setzt das deutsche Bürgertum auf Djiindjic
auf Stabilität und Unterwürfigkeit.
Kostunica
und die Faschisten um Seselj sind hingegen mit dem nationalen Privatkapitalisten
den Managern der staatlichen Aktiengesellschaften und stark mit französischem
sowie griechischem Kapital verbunden. Sie sind an einer permanenten Unruhe
interessiert. Denn die zu privatisierenden Betriebe verlieren durch politisches
Chaos weiter an Wert. Das verschafft den alten Bürokraten die Möglichkeit,
noch mehr Betriebe in ihre nationalen privatkapitalistischen Hände zu
bekommen.
Das folgt
dem Weg Milosevics, denn Jugoslawien hatte im Januar 1999 einen höheren
Privatisierungsgrad erreicht, als ZB. Kroatien. Die Privatisierung lief
national, nachdem die selbstverwalteten Betriebe in staatliche Ags umgewandelt
wurden, das verwandelte die Betriebsleiter in Aktionäre, die das Geld
dazu benützen um den Groß und Einzelhandel in ihre privaten Hände zu nehmen..
Die Arbeiter hatten nichts von den staatlichen Aktiengesellschaften.
Heute, auch
als Folge des NATO-Krieges gegen Jugoslawien, sind offiziell 2,5 Millionen
Menschen in Serbien und Montenegro arbeitslos. Annähernd die gleiche Zahl
ist "zwangsbeurlaubt" demzufolge ohne jegliche Einkünfte. Schätzungen
zufolge leben zwei Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.
Für diese Menschen hat weder der Djiindjic-Block noch der Kostunica-Block
ein soziales Programm.
Die Leute
um Djiindjic wollen Ruhe und Ordnung zugunsten ausländischer Investoren
und die Leute um Kostunica fortgesetzte Randale, um selbst an die kapitalistischen
Futtertröge zu gelangen. Damit das nicht auffällt befleißigen sich beide
Lager einer nationalistischen Rhetorik.
Nationalismus
Der Kosovo-Mythos
ist beiden Lagern gemeinsam. Im neuen Verfassungsentwurf bezüglich der
Föderation Serbien-Montenegro wird Kosovo als Teil Serbiens definiert.
Die Legende von der Schlacht am Amselfeld bleibt Bestandteil der serbischen
Politik. Der Anspruch auf Kosova wird aufrechterhalten, nicht einmal von
einer Autonomie Kosovas ist in dem Verfassungstext die Rede. In dieser
Frage gab es zwischen Djindjic und Kostunica nicht die geringsten Differenzen.
Das ist auch
nicht verwunderlich, denn Kostunica zeigte im Wahlkampf mit Freude auf
ein Bild, das ihn mit einer Kalaschnikow zeigt. Jenes Bild zeigte Kostunica
in Kosova, anläßlich einer Rede vor berüchtigten Killertruppen. Djiindjic
ist heute noch Stolz auf seine Freundschaft mit General Mladic. Im Jahr
1995 griff Djiindjic Herrn Milosevic an, da jener nicht genügend die Mladic-Truppen
in Bosnien "unterstützte".
Es ist kein
Zufall, dass der Mörder-General Mladic in Belgrad ungeniert zu Fußballspielen
geht und in einem bekannten Restaurant in der Belgrader Innenstadt speist,
während Frau Del-Ponte gerade mit Djiindjic über dessen Überstellung nach
Den Haag verhandelt (FAZ 22.11.02. Koha Ditore 23.11.02).
Überwindung des Nationalismus
Derzeit stagniert
der Durchschnittslohn in Serbien bei erbärmlichen 250 Euro im Monat. Mit
noch viel weniger müssen, die Arbeitslosen und die Rentner auskommen.
Die Inflation liegt offiziell bei 50%. Nach Schätzungen der Weltbank hat
in Serbien gegenwärtig die Hälfte der Bevölkerung weniger als 2. Euro
zur Verfügung. Die dramatische Entwertung der Betriebe führt zu Auktionen
in denen die serbische Mafia die Dinger günstig ersteigert. Abgefedert
wird das ideologisch durch den herrschenden Chauvinismus.
Solange die
Unterdrückten und Beleidigten nicht mit dem Nationalismus und dem Kosovo-Mythos
brechen haben sie keine Perspektive. In Deutschland gilt es sich mit jenen
Kräften zu solidarisieren, die tatsächlich mit dem inneren serbischen
Nationalismus gebrochen haben. Leider sind es bis dato nur kleine anarchosyndikalistische
Gruppen in der Assoziation Unabhängiger Gewerkschaften. Daneben gibt es
noch kleinere Zirkel die mit dem noch in Wien lebenden ehem. Belgrader
Bürgermeister Bogdanovic verbunden sind.
Max Brym,
Dezember 2002
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