Nordirak
Ein „linksdeutsches“ Hurra oder „Kurden gegen Kurden“
Am 2. Februar 04 kam es zu verheerenden Selbstmordanschlägen gegen Büros der kurdischen PUK und der KDP. Bei den Anschlägen starben mindestens sechzig Menschen, die zu Feierlichkeiten anläßlich eines hohen islamischen Feiertages zusammengekommen waren.
Die Zeitung „Junge Welt“ widmete dem Massaker einen Kommentar ihres Wiener „Star Redakteurs“ Werner Pirker. Herr Pirker kann in dem Artikel vom 3.2.04 seine Begeisterung über das vergossene Blut kaum unterdrücken. Unter der Überschrift „Kurden gegen Kurden“ und „Der Krieg erreicht den Nordirak“ verbreitet Pirker krude „antiimperialistische“ Selbstzufriedenheit. Für Pirker war das ein Schlag gegen „die Bemühungen der Kolonialverwalter“ und triefend vor völkischer Ergriffenheit, stellt Pirker fest: „Das traf die kurdischen Kollaborateure der Besatzer mitten ins Herz“.
Ergo individueller faschistischer Terror gegen Kurden ist nach Pirker gerechtfertigt. Der Herr aus Wien hat gegen die Tat nur einige taktische Bedenken, er meint: „Anschläge wie die von Erbil dürften allerdings auch nicht zur Bildung einer gesamtnationalen Widerstandsfront gegen die Fremdherrschaft beitragen“. Herr Pirker befürchtet sogar, dass die Anschläge „die von den Kurdenführern über Jahre geschürten sezessionistischen Stimmungen erneut geschürt haben“.
Am Ende seines Kommentars landet Pirker wieder in zynischer Selbstzufriedenheit. Er vermutet, dass hinter den Anschlägen die kurdische „Ansar AL Islam“ steckt. Diese Organisation geht bei Pirker glatt durch. Ihr werden positive Ansätze unterstellt. Pirker hofft, dass die USA auch im Nordirak in Schwierigkeiten gerät.
Faschistischer oder wirklicher Antiimperialismus?
Leuten wie Pirker fiel nie auf, dass es verschiedene Arten von Antiimperialismus gibt: Den faschistischen „Antiimperialismus“ und den tatsächlichen Antiimperialismus. Widerstand gegen eine sozial ungerechte Weltordnung mit dem Ziel, die unterdrückten, beleidigten, erniedrigten und verlassenen Wesen zu befreien, ist legitim und unterstützenswert. Bewegungen, die eine antiimperialistische Zielsetzung haben, gibt es im Trikont. Der bewaffnete Widerstand im Irak gehört nicht in diese Kategorie.
Einige Junge Welt Redakteure haben die Aktion „10 Euro für den irakischen Widerstand“ unterstützt, darunter selbstverständlich der unvermeidliche Pirker. Den „antiimperialistischen“ Schreibtischstrategen fällt es nicht ein nach dem emanzipatorischen Kern der Kräfte zu fragen, die sie unterstützen. Es genügt ihnen völlig, wenn die Leute vorgeben gegen die USA und den Zionismus zu sein. Daß unter diesem Deckmäntelchen sich völlig reaktionäre Zielsetzungen verbergen, geht den Schreiberlingen an Berliner und Wiener Wirtsstuben am Arsch vorbei.
Das Regime im Irak hatte extrem faschistoide Züge, die gefundenen Massengräber im Irak belegen das hinreichend. Ein Teil des irakischen Widerstandes gehört nach Angaben der Jungen Welt und der AIK (Antiimperialistische Koordination Hauptsitz Wien) zum „linken Flügel der Baath Partei“. Worin der linke Inhalt bestehen soll, wird dezent verschwiegen. Zudem soll sich die „ Linke“ in Deutschland mit islamisch fundamentalistischen Kräften im Irak gemein machen, als ob es keine Erfahrung mit den „ antiimperialistischen“ Taliban geben würde.
Der sogenannte Widerstand im Irak hat keinerlei wirklich antiimperialistisches Anliegen. Es geht ihm nicht um die Befreiung der Arbeit, noch um die Befreiung der Frau und auch nicht um die demokratischen Rechte von unterdrückten Nationen. Der Widerstand repräsentiert, was Frantz Fanon einst so benannte: „Es besteht die latente Gefahr, dass Teile der einst Unterdrückten und Beleidigten nicht nur die Mentalität der Kolonialmächte annehmen, sondern diese Mentalität ins Extreme steigern und pervertieren.“
In der Tat, das Baath-Regime nahm sehr rational die reaktionäre Ideologie der Metropolen auf und verband dies mit der asiatischen Despotie (Marx schrieb einiges zu diesem Phänomen). Der demokratische Geist der Aufklärung ist sowohl den Saddam-Anhängern und erst recht den islamischen Fundamentalisten fremd. Ihr Kampf „gegen den Imperialismus“ hat eine faschistisch reaktionäre Grundlage. Das zeigt sich auch in den Aktionsformen des „Widerstandes“. Wenn es dem „Widerstand“ wirklich um die realen Interessen der Menschen gehen würde, würde er menschliches Leben akzeptieren und nicht wahllos irakische und kurdische Zivilisten töten.
Die Angriffe des „Widerstandes“ richten sich hauptsächlich gegen zivile und demokratische Einrichtungen. Nicht nur gegen Straßenpassanten, sondern auch gegen Büros der offiziellen KP, die mit der Übergangsverwaltung zusammenarbeitet. Die Arbeiterkommunistische Partei des Iraks,
die eine Zusammenarbeit mit der US-Administration ablehnt, ist für die irakische und arabische Reaktion ebenso Angriffsziel, weil sie den politischen Islam ablehnt und für Arbeiter und Frauenrechte eintritt.
Fazit
Für Pirker und die „Junge Welt“ besteht „Antiimperialismus“ im Kampf gegen die USA. Auf welcher programmatischen Basis und mit welchen Mitteln dieser Kampf ausgefochten wird, ist für die Herrschaften belanglos. Jeder der die Welt nicht einfach in weiß und schwarz teilt, gilt als potentieller Kollaborateur, der die Liquidierung verdient hat. In Deutschland wird jede kritische Stimme gegen den kruden „Antiimperialismus“ umgehend mit CIA und Mossad Vorwürfen abgeblockt. Im Irak haben die Menschen den Vorgaben aus Wien und Berlin folge zu leisten, wenn sie es nicht tun, haben sie den Tod verdient. Das Massaker in Erbil wird gerechtfertigt und mit einer Rhetorik gegen die separatistischen Kurden unterlegt, die stark an die Propaganda von Saddam erinnert.
Max Brym
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