Ist Gerhard Schröder
Friedensaktivist geworden ?
Im Zusammenhang
mit dem bevorstehenden Krieg gegen den Irak, den die US-Administration
unbedingt führen will, könnte man fast diesen Eindruck gewinnen. Hart
ist das Nein von Gerhard Schröder bezüglich eines Krieges am Golf. Am
5. September 2002 gab Gerhard Schröder der New York-Times ein Interview,
in dem er erklärte: ,,Hands off und Hände weg vom Irak." Er erinnerte
in diesem Gespräch an Gary Cooper in dem Western High Noon. Schröder präsentierte
sich als Stahlharter Sheriff als letzter Mann mit Mut. Im bundesdeutschen
Wahlkampf formulierte Schröder seine ,,Kriegsgegnerschaft" am 28. August
2002 bei einer Kundgebung am Münchner Marienplatz wie folgt: ,,Freundschaft
ja, Unterordnung nein" und ,,Auf einer Tankstelle führt man keinen Krieg".
Das bundesdeutsche Wahlvolk wird motiviert Schröder zu wählen, da er der
Kanzler des ,,Friedens" ist.
Was ist
dran, an Schröders Position?
Die Ablehnung
des Krieges gegen den Irak ist durchaus ernstzunehmen. Ein Krieg in dieser
Region liegt nicht im Interesse der deutschen Industrie. Zudem ist das
deutsche militärische Potential nicht im Stande, bei einer Militäraktion
gegen den Irak eine wesentliche Rolle zu spielen. Die von der deutschen
Politik seit Jahren eingeforderte ,,Partnerschaft in Leadership" wäre
in diesem Fall geradezu lächerlich. Die Ablehnung der US-Militärstrategie
hat nichts mit einer Friedenspolitik zu tun, sondern sie ist interessensbezogen.
Spätestens seit den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts strebt die deutsche
Politik danach wieder eigenständig auch militärisch nach außen aktiv zu
werden. In den verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundeswehr vom
November 1992 liest sich das so: ,,Wir müssen im deutschen Interesse den
freien Welthandel sowie den Zugang zu Rohstoffquellen sichern" Im Kriegsszenario
gegen den Irak wäre der bundesdeutsche Beitrag nur ein billiges Anhängsel
der der oben genannten Prämisse keinesfalls gerecht werden würde. In diesem
Sinn ist die sogenannte Friedenspolitik Schröders zu verstehen. Heutzutage
will die deutsch Elite selbstbestimmt entscheiden wohin sie Soldaten schickt
und wohin nicht. Nach Kosova relativ gerne, nach Makkedonien noch lieber
(hier hat man eine Führungsrolle) aber auch nach Afghanistan, um vom Kuchen
etwas abzubekommen. Schröder erklärte im Spiegel am 16. September 2002:
Er habe militärische Einsätze auch außerhalb Europas durchgesetzt, ,,daß
ist eine Veränderung der Außen- und Sicherheitspolitik, die eine Zäsur
bedeutet hat". Schröder will Kriege, von denen die deutsche Industrie
etwas hat und keine bei denen die deutsche Industrie mit dem Ofenrohr
ins Gebirge kuckt. Ein Krieg gegen den Irak wäre für Deutschlands Außenpolitik
und ökonomische Interessenslage kontraproduktiv.
Warum
ist das so?
Deutschland
bezieht die Masse seines Schmierstoffes in Gestalt von Öl und Gas hauptsächlich
aus Rußland, Norwegen, Libyen und Syrien. Bei Libyen und Syrien handelt
es sich nach US-Diktion um vollständige oder halbe ,,Schurkenstaaten".
In der arabischen Welt genießt Deutschland gerade wegen seiner barbarischen
Vergangenheit bei den herrschenden Cliquen und der fundamentalistisch-antisemitischen
Massenbewegung Sympathie. Deutschland hat in der Region keine koloniale
Vergangenheit und der schrödersche Alleingang zwischen Israelis und Palästinenser
deutsche Truppen zu stellen (vor einigen Monaten von Schröder vorgeschlagen)
stieß auf breite arabische Zustimmung. Der Iran hat als wichtigsten Außenhandelspartner
die BRD und deutsche Banken sind die größten Gläubiger des dortigen Regimes.
Es ist kein Zufall, daß Joschka Fischer laufend die Islamisten in Teheran
als ,,reformfreudige Demokraten" belobigt. Mit dem Irak verbindet einige
BRD-Konzerne eine traditionelle Partnerschaft. Die Giftgaseinsätze von
Saddam Hussein gegen die Kurden und an der iranischen Front im Krieg gegen
den Iran ermöglichte der deutsche Giftgaslieferant. Heute ist der Irak
trotz des offiziell bestehenden Embargos imstande seit 1997 wieder Öl
in der Größenordnung von 36 Mrd. Dollar exportiert zu haben. Das UN-Programm
,,Öl für Nahrung" ermöglichte dies und jeder halbwegs informierte weis,
daß die damit verbundenen Nahrungsmittel und Medikamente meist nicht zu
dem Zweck gekauft wurde um sie an die irakische Bevölkerung weiterzugeben,
sondern sie wurden via Jordanien Iran, Syrien und Saudi-Arabien wieder
in den Weltmarkt geschossen. Nach vorsichtigen Schätzungen verdient der
Irak pro Jahr mindestens 2 Mrd. US-Dollar an dem Verkauf geschmuggelten
Öls. Der Irak ist also kein armes Land, er verfügt in der Tat pro Jahr
über mindestens zweistellige Dollar Milliardensummen für Militärprogramme.
Neben Saudi-Arabien ist der Irak das Land mit dem zweithöchsten Ölvorkommen
in der Region. Ein arabisches Land nach dem anderen hat die UN-Embargobeschlüsse
unterlaufen, was die US-Administration nicht hinnehmen kann. Denn ihr
traditioneller Verbündeter in der Region Saudi-Arabien beginnt wirtschaftlich
zu wackeln und ist nachweislich mit Seilschaften aus der herrschenden
Clique in die Terroraktivitäten Bin Ladens verwickelt. Das Regime hat
zudem eine starke fundamentalistische islamische Opposition, die das Herrscherhaus
ernsthaft bedroht. Ein wieder mächtiger werdender Irak im Bündnis mit
der saudischen Opposition oder der Herrscherclique bedroht ernsthaft die
Interessen der USA in der Region.
Deutsche
Politik
Die ideologische
Klammer, die die korrupten arabischen Regime zusammenhält und mit ihrer
,,Opposition" verbindet, ist der Antisemitismus und das antiaufklärerische
Element. Eine Bedrohung Israels ist tatsächlich vorhanden. Mit dieser
Politik identifiziert sich aus Eigeninteresse das neue Imperium Europa
unter deutscher Führung. Die militärische Unterlegenheit gegenüber den
USA wird diplomatisch, ökonomisch sowie ideologisch ausgeglichen, indem
man freundschaftlich auf die wackelnden korrupten Cliquen zugeht. Der
bevorstehende Angriff gegen den Irak durch die USA ist Ausdruck mehrerer
Faktoren. Die US-Ökonomie dümpelt vor sich hin und besorgt registriert
man in den USA die Bedrohungsszenarien durch den islamischen Fundamentalismus
sowie den wachsenden Einfluß Europas und Deutschlands in dem Gebiet. Das
harte Nein Schröders gegen den Krieg ist ein Ausdruck dafür, daß imperiale
Politik durchaus friedlich daherkommen kann. Sollte es zu einem Krieg
zwischen dem Irak und den USA kommen, wäre es fatal eine friedensbewegte
Massenmobilisierung in deutschen Städten zu erleben, die die USA und Israel
attackiert und die eigene Regierung von der Kritik ausnimmt. Es wäre in
der Tat zu fragen: Warum eine solche Mobilisierung nur stattfindet, wenn
Amerika Krieg führt und bei deutschen Kriegseinsätzen wie am Balkan, bis
auf kleine Minderheiten dezent geschwiegen wird. Es besteht die Gefahr,
daß eine deutsche ,,Volksgemeinschaft" entsteht gegen andere Staaten die
der eigenen Elite freundlich und sympathisch gegenübersteht, weil sie
zufällig friedlich ist .
Max Brym,16.09.2002
|
|