Urlaub in Albanien
oder Durres geht durch den Magen
Die Frage,
wie man auf die Idee kommt, in Albanien Urlaub zu machen, bleibt in diesem
Artikel unbeantwortet. Nichts desto trotz ist ein längerer Urlaubsaufenthalt
in Albanien dem ehemaligen "Leuchtfeuer des Sozialismus in Europa" durchaus
aufschlußreich. Schon die Ankunft am Flughafen bringt einige überraschende
Momente bei der Kofferausgabe im Terminal mit sich. Mehrere Personen versuchen
gleichzeitig den Koffer in Beschlag zu nehmen, verbunden mit dem Angebot,
sie hätten Appartements und Taxis zur Verfügung. Dabei geraten sich die
unterschiedlichen "Dienstleister" gegenseitig in die Haare. Der Autor
dieser Zeilen konnte den Marktrubel bewältigen, da er den Streit und die
unterschiedlichen Angebote sprachlich zu differenzieren vermochte.
Zuerst ging
es nach Tirana, der Hauptstadt des Landes. Tirana hat neben unzähligen
improvisierten Kleincafe´s auch Hotels die rein äußerlich westlichen Kriterien
entsprechen. Der Preis für die Übernachtung entspricht der Preislage eines
Hotels mittlerer Kategorie in Deutschland. Das Zentrum von Tirana ist
nach wie vor geprägt von breitgefächerten Straßenzügen, großen Plätzen
und Spielanlagen aus der Zeit des "Staatssozialismus". Sofort fällt einem
jedoch die ungeheure soziale Differenzierung der Bevölkerung ins Auge.
Während Geschäfte mit italienischer Designermode zweiter Qualität um zahlungskräftige
Kunden werben, blickt einem die Armut auf den Straßen offen ins Gesicht.
Unzählige Kinder hängen sich an den scheinbar finanziell wohlgestellten
Ausländer, um Geld zu ergattern. Diese Kinder sind entweder körperlich
ausgezehrt oder kleine "Geschäftsleute", die einen mit Zigaretten oder
Telefonkarten beglücken wollen. Gegenwärtig wächst in Albanien, trotz
allgemeiner Schulpflicht, wieder der Analphabetismus. Da die meist arbeits-
und einkommenslosen Eltern ihre Kinder, statt in die Schule auf die Straße
schicken, um an Tankstellen Autos zu waschen, zu betteln oder diverse
Dinge zu verhökern. Der in Albanien bereits überwundene Analphabetismus
steigt deshalb rapide.
In Tirana
gibt es Luxusrestaurants, die von Bodyguarts am Eingang gegen das gemeine
Volk abgesichert werden. In den Restaurants tummelt sich eine Gesellschaft,
die äußerst zwielichtig und mit Geld ausgestattet, kulinarische Genüsse
verzehrt, zu einer Preislage, die in Europa gängig ist. Der verelendete
Normalbürger ist von solchen Genüssen selbstverständlich ausgeschlossen.
Die Preislage in Albanien läßt sich in vielen zu rund 60% mit der Preislage
in Europa vergleichen. Das Einkommen der breiten Masse liegt bei höchstens
150-Euro. Rund 20% der Bevölkerung verfügen über keinerlei Einkommen,
die Industrie liegt nach wie vor am Boden und hunderttausende von Albanern
sind gezwungen ihre Arbeitskraft den Bauunternehmern Griechenlands anzubieten,
die sie dazu benützen die Löhne in Griechenland generell zu attackieren.
Tirana vermittelt das Bild einer Stadt die an dritte Welt Metropolen erinnert,
einerseits protzig zur Schau gestellter Reichtum einer mafiosen neureichen
Schicht, andererseits schreckliches, ans Gemüt gehendes Elend. Die Produktion
in Albanien findet im Bereich industrieller Fertigung de facto nicht statt,
das Land importiert die meisten Produkte aus dem gegenüberliegenden Italien
. Die dortigen Handelskapitalisten nützen die Gelegenheit , um das einst
so stolze Volk der Skipetaren, mit Ausschußware und billigem Modeverschnitt
zu beglücken.
In Durres
Die gegenwärtige
albanische Regierung unter dem sogenannten Sozialisten Fatos Nano versucht,
den 362 Kilometer langen Küstenstreifen Albaniens an der Adria für den
Tourismus zu öffnen. Es ist durchaus interessant sich diese Ambitionen
näher kommen zu lassen. Durres ist einerseits eine große Hafenstadt und
hat auf der anderen Seite einen sehr langen Sandstrand mit der Möglichkeit
hunderte von Metern ins Meer zu spazieren, bevor der Kopf versinkt. In
Durres gibt es Tourismus allerdings keinen internationalen. Die schnell
zusammengeschusterte Strandpromenade in Durres wird frequentiert von Albanern,
die in Europa arbeiten sowie von Albanern aus Kosova und Makkedonien.
Die Strandpromenade versucht die italienische Adriagestalltung zu imitieren.
Unmittelbar nach dem Sandstrand gibt es eine Reihe Häuser, die entweder
schon als Hotels aufgemotzt sind oder im noch nicht ganz fertigen Zustand
eine Pension darstellen sollen. Anschließen führt eine enge Straße wiederum
ala Italien, die Trennung zwischen der ersten und der zweiten Reihe der
Häuser herbei. Die Straße ist stets gefüllt mit unzähligen Automobilen
, sowie Militärfahrzeugen der italienischen Armee, die in der Nähe der
Strandpromenade mehrere Militärstützpunkte unterhalten. Die Preise für
eine Übernachtung in einem Appartement in einer Pension bewegen sich zwischen
20 und 25 Euro die Nacht. Unzählige kleine improvisierte Bistros wie aufgemotzte
Restaurants offerieren Speisen und Getränke. Die Preise für die angebotenen
Produkte betragen ziemlich exakt 60% von dem, was in Deutschland dafür
bezahlt wird. Ausgesprochen billig ist der Kaffee und die Zigaretten westlicher
Marke, die einem von überallher angeboten werden. Der Abendspaziergang
ist eine Sache, die dem Weg durch einen langgestreckten Bazar ähnelt.
Es werden Produkte wie nachgemachte Fußball T-Shirts mit dem Namen Ronaldo
und älteren Trikots mit dem Namen Maradona und Völler bis zu Textilien
zweiter Wahl und jeder Menge Krimskrams angeboten. Dazwischen immer wieder
Kinder ohne Bein bzw. Kinder die eine Behinderung vorspielen, um irgendwie
an Geld zu gelangen. Das Essen in den Restaurants kann schwer auf den
Magen schlagen, da ständig, oft über Stunden, Stromausfälle zu beklagen
sind und somit die Kühlung für Fleischprodukte ausfällt. Dennoch wird
das Fleisch verkauft, was zu diversesten Magen- und Darmproblematiken
bei Vielen führt. Die Einheimischen raten einem deshalb dazu, hauptsächlich
Obst von Bauern am Strand zu kaufen, Weißbrot zu Essen und wenn man Fleisch
ist stärkere Alkoholika in Form von Raki zu sich zu nehmen.
Strandgespräche
Der Strand,
der wirklich sehr schön ist, bietet nicht nur die Möglichkeit sich die
Sonne auf den Pelz brennen zu lassen, sondern man ist zudem sehr schnell
in politische Strandgespräche verwickelt. Es fällt auf, daß die Masse
der Leute, häufig am Strand politisiert. Angesichts der Lage in Albanien
sowie in Kosova und Makkedonien ist das kein Wunder. Soziales Elend gewaltsame
Spannungen und das Gefühl von Unsicherheit politisieren die Menschen in
hohem Ausmaß. Die Radikalität des Daseins beinhaltet des öfteren radikale
politische Haltungen in ihrer ganzen Bandbreite. Nachdem man sich die
Haut eingecremt hat und ein Anwesender feststellt, der Deutsche versteht
die Sprache, wird sofort politisiert. Der albanische Nationalist, hauptsächlich
aus Kosova, meist Rugova-Anhänger beglückt einen, mit seiner Weltsicht,
dabei schimpft er auf die Enveristen (Anhänger Enver Hoxhas) in Albanien,
sowie über die angeblichen Enveristen in Kosova um Hashim Thaci. Dem Deutschen
versichert er, daß ihn mit Deutschland eine alte Freundschaft zurückgehend
auf die Zeiten des Faschismus verbindet. Dieser Typ, der am Strand von
Durres sich die Haut verbrennt, ist meist in mittleren Jahren und hat
nicht mit der UCK gekämpft. Im Gegenteil, er verdächtigt die gewesenen
UCK-Kämpfer mit der USA im Bündnis zu sein und an alten slavo-kommunistischen
Ideen festzuhalten. Diesen Blödsinn sollte man nicht beantworten, es ist
aber dennoch wichtig, zu erkennen, was dieser NATO-treue Geselle von sich
gibt und wie er das albanische politische Parteienspektrum angreift und
keinesfalls daran denkt, sich mit Albanien zu vereinigen. Es braucht einen
also nicht zu verwundern, wenn die NATO-Protektoratsherren in Kosova diesen
LDK-Typus, anstelle der anderen politischen Richtungen bevorzugen. Der
anwesende Albaner aus Makkedonien ist ein etwas anderer Schlag, die Symphatiewerte
gehen mehrheitlich in Richtung Ali Ahmeti (ehemaliger UCK-Führer in Makkedonien)
der jetzt die Partei für die demokratische Integration in Makkedonien
anführt und der kürzlich auch erklärte, daß eines seiner Hauptanliegen
darin bestünde, auch nicht Albaner in seine Partei aufzunehmen. Irgendwelche
"rassenbiologischen" Artikulationen hört man kaum von einem Albaner aus
Makkedonien.
Mein Freund
Albin
Am Strand
betreibt der Albaner Albin aus Durres eine kleinen Verkaufsstand. Jener
Albin schimpfte beim Thema Politik sofort auf die neuen Verhältnisse,
er sagte: "Früher hatte ich einen festen Arbeitsplatz, genug zu essen
und eine absolute soziale Grundsicherung. Jetzt bin ich darauf angewiesen,
daß mir irgend ein Idiot irgendwas abkauft, damit ich leben kann." Albin
repräsentiert das Element der weitverbreiteten sozialen Nostalgie bezogen
auf die "staatssozialistische" Zeit in Albanien unter Enver Hoxha. Bei
näherem Nachfragen erklärte er, er wünsche sich auf keinen Fall die alten
Denkverbote und die Bevormundung zurück, dennoch hatte das soziale Grundsicherungssystem
Vorteile, es beruhigte vor allen Dingen das Nervensystem. Klar war ihm
auch in einer der Diskussionsrunden, die sich laufend am Strand ergeben,
daß ein isolierter autoritärer "Sozialismus" von oben auf die Dauer nicht
haltbar ist. Er verwies selbst auf die Rückständigkeit der damaligen Industrie,
auf die negativen Folgen der internationalen Isolierung Albaniens. Jedoch
ist die heutige Einbindung in den kapitalistischen Weltmarkt für Albanien
mehr als negativ. Denn die internationalen Kapitalgesellschaften haben
nicht vor Albanien zu entwickeln, momentan sind sie etwas an dem vorhandenen
Chromreichtum des Landes interessiert ohne bereits zu Investieren. Gegenwärtig
dient das Land als Abnehmer für westliche Abfallprodukte. Die gegebene
Ökonomie in Albanien hat Raubtiercharakter, die Arbeitsmöglichkeiten oftmals
nur im Bereich des Handels mit geklauten Zigaretten, Drogen und Frauen
bietet. Das kann kein Leben sein. Um die Kosova-LDK-Nationalisten zu provozieren,
wurde öfter gegen Abend ein Repertoire mit alten kommunistischen Partisanenliedern
ausgepackt.
Resümee
Die Situation
in Albanien ist katastrophal. Es gibt keine organisierte Arbeiterbewegung
in nennenswerter Zahl, die für politische und gewerkschaftliche Ziele
zu Kämpfen im Stande wäre. Statt dessen regiert die soziale Grausamkeit,
die jedoch kritisch hinterfragt wird. Die Albaner lesen sehr viel, an
jedem Zeitungskiosk befinden sich neben den angebotenen Tageszeitungen,
billige Literaturangebote, welche die gesamte fortschrittliche europäische
klassische Literatur beinhalten. Jedoch von den Albanern eine fortschrittliche
Veränderung der Verhältnisse in absehbarer Zeit zu erwarten, ist eine
Illusion. Die Weltlage muß sich ändern, der progressive Hauptanstoß muß
von außen kommen.
Max Brym,
Anfang September 2002
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