Aufgaben
und Probleme der Solidaritätsbewegung
Israel
und Palästina - zwei Staaten, ein Frieden
Notizen
Anfang März
d.J. tötete ein Selbstmordattentäter in einem bekannten Café in Jerusalem
elf junge Menschen. Nichts Neues, höre ich bereits den einen oder anderen
sagen: “Das sind die Folgen der israelischen Siedlungspolitik und des
Besatzungsterrors der israelischen Armee.” Ist das wirklich alles, was
es dazu zu sagen gibt? Nein, denn die Auseinandersetzung hat auf dieser
Ebene jeden emanzipatorischen und rationalen Beweggrund verloren. Das
oben angeführte Café war ein bekannter Treff der linken und friedensbewegten
Szene in Jerusalem. Der Attentäter belegt mit dieser Tat, dass es ihm
nicht darum ging, seinem unterdrückten Volk zu dienen, sondern einfach
darum, Juden zu töten. Die Masse der Anschläge in Israel erfolgt genau
nach diesem Muster. Der gerechtfertigte Widerstand der Palästinenser gegen
die Politik des Staates Israel ist in vielen Bereichen absolut pervertiert.
Organisationen wie Hamas und Dschihad sind Produkte der konterrevolutionären
Verzweiflung, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Faschismus haben. Keine
Aktion gegen israelische Zivilisten ist in irgendeiner Form zu rechtfertigen.
Auch der Hinweis auf Grausamkeiten der israelischen Armee in den besetzten
Gebieten kann dies nicht legitimieren. Um die Pervertierung deutlich zu
machen, sei ein Hinweiß auf den vietnamesischen Befreiungskampf gestattet.
Niemals fiel es den Kämpfern für die Freiheit Vietnams ein, Massaker unter
der us-amerikanischen Zivilbevölkerung anzurichten oder Anschläge vor
USA-Kirchen durchzuführen. Solche Taten aber hat es bereits in Israel
mehrfach gegeben. Diese Selbstmordattentäter zerfetzt nicht nur sich und
andere, sondern die Attentate nützten letztendlich nur der israelischen
Rechten. Solche Aktionen, die der irakische Staat mit 25 000 US-Dollar
für die Familie des Attentäters prämiert, schaden den progressiven Menschen
in Israel und Palästina.
Was muss
eine Solidaritätsbewegung in Deutschland berücksichtigen?
Es ist in
Deutschland absolut notwendig, eine Solidaritätsbewegung mit dem unterdrückten
palästinensischen Volk aufzubauen. Genauso wie die Notwendigkeit besteht,
die Ängste und Nöte der israelischen Bevölkerung ernst zu nehmen. Es gilt
die Parole der israelischen Friedensbewegung “Israel-Palästina zwei Staaten
ein Frieden” aufzugreifen. Abzulehnen ist der romantisch-pseudorevolutionäre
Blödsinn eines “revolutionär-demokratischen Gesamtpalästina”. Neben der
Tatsache, dass hierfür jegliche Vorraussetzung fehlt, ignorieren die Vertreter
dieser oder ähnliche Losungen das Selbstbestimmungsrecht der Israelis,
also das Recht der Israelis auf einen eigenen Staat. Gegenwärtig kann
es nur darum gehen, den bedingungslosen Abbau sämtlicher israelischer
Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten sowie den Rückzug
der israelischen Armee aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen zu
fordern. Genau das fordert auch die Bewegung progressiver israelischer
Soldaten und Reservisten, die den Kriegsdienst in den besetzten Gebieten
verweigert. Obwohl die Bewegung bis dato noch nicht die Handlungsfähigkeit
der israelischen Armee beeinträchtigt, ist dies ein hoffnungsvolles Signal.
Vor allem, wenn bedacht wird, dass es sich nicht nur um gemeine Soldaten
handelt, sondern auch um eine nicht unerhebliche Zahl von Reserveoffizieren.
Auf palästinensischer Seite gibt es trotz des hohen Blutzolls, den die
israelische Armee den Palästinensern abverlangt, einige bei klarem Verstand
gebliebene Köpfe, die der Pervertierung des Widerstandes durch die Hamas,
Dschihad u.a. Widerstand entgegensetzen. Sie treten für die Zweistaatenlösung
ein, in dem klaren Bewusstsein, dass beide Völker aus dem Kreislauf der
Gewalt heraus müssen. Es wird auf beiden Seiten von einer Minderheit erkannt,
dass nur bei einem Ende der Gewaltspirale wieder halbwegs klar über poliische,
wirtschaftliche und soziale Fragen nachgedacht werden kann.
Jede Bombe
und jede Kugel befördern nur Hass und Vernichtungswillen. Jetzt für den
Sieg der Palästinenser oder der Israelis zu sein bedeutet im ersten Fall
ein Massaker an den Juden einzukalkulieren und im zweiten Fall eine fortgesetzte
und verschärfte Unterdrückung der Palästinenser durch Israel zu akzeptieren.
Es bleibt demzufolge als Übergangslösung nur die Zweistaatenoption, ein
absoluter Waffenstillstand, ein bürgerlicher Friede. Dieser Übergang ist
notwendig, obwohl er nicht die Beziehungskiste Israelis-Palästinenser
sofort klären wird. Es dauert mit Sicherheit noch einige Zeit, bis die
große Vision des jüdischen Philosophen Martin Buber Wirklichkeit wird,
der von einer Loslösung der jüdisch-nationalen Bewegung vom Westen und
ihrer Integration als selbständigem Faktor in der arabischen Welt träumte.
Sollte
die Palästinasolidarität antizionistisch sein?
Hier erfolgt
von meiner Seite aus ein klares Nein. Denn die Forderung nach einem Nationalstaat
für die Juden, die sich als Israelis verstehen, hat Bürgerrechte konstituiert.
Das Existenzrecht des Staates Israel ist unbestreitbar, jeder der es ablehnt
steht nicht ganz zu Unrecht im Verdacht des Antisemitismus. Der berühmte
“Antizionismus” vieler in Deutschland ist als verkleidete Form des Antisemitismus
zu bewerten. Die Rechte in Deutschland betreibt dieses Spiel bewusst und
viele Linke hierzulande merken überhaupt nicht, wie sie mit antizionistischen
Parolen den in Deutschland weitverbreiteten Antisemitismus bedienen. Eingedenk
der Tatsache das sich die Debatte über einen israelischen Staat und dessen
Existenzrecht erübrigt haben sollte, mutet es komisch an, wenn laufend
historisch herumargumentiert wird, um das reaktionäre Wesen des Zionismus
festzustellen. Was wird damit bezweckt in Sachen notwendiger Solidarität
mit den Palästinensern? Wird mit der ununterbrochenen Kritik an Theodor
Herzel oder Leo Pinsker irgendeinem Palästinenser konkret geholfen? Hier
wird die Behauptung gewagt, dass dem nicht so ist. Zudem wird in der antizionistischen
Agitation eine einheitlich reaktionäre Masse konstruiert, die den Zionismus
Herzels und Jabotinskjs mit dem Zionismus Martin Bubers, Nahum Goldmans
oder gar der Poale Zion (Arbeiter-Zions) gleichsetzt. Diese Methode ist
verdächtig. Schon Marx kritisierte sie bei Ferdinand Lassalle, der Junker
und Bürgertum zur reaktionären Masse zusammenschusterte. Wir sollten solche
Diskussionen über die historischen Wurzeln und die Geschichte des Zionismus
auf der Straße und in der Agitation bleiben lassen. Zum Zionismus kann
im übrigen jeder stehen wie er will, solange er nicht Zionismus und Faschismus
gleichsetzt. Es gilt im Interesse der Menschen in Israel und Palästina
die gegebene israelische Staatspolitik zu attackieren und für einen palästinensischen
Staat neben Israel einzutreten. In diesem Zusammenhang ist auch jede Verharmlosung
des fundamentalistischen Terrors von Hamas & Co. absolut unakzeptabel.
Unsere Losung hat der Frieden zu sein. Eine Atempause muss erkämpft werden,
indem beide Völker die Chance erhalten, den tatsächlichen Gegner zu erkennen.
Vom Kampf zwischen Isralis und Palästinensern muß zum Klassenkampf bei
Israelis und Palästinensern übergegangen werden. Die Arbeitsklasse in
Israel und Palästina muß solidarisch miteinander handeln.
Ein ultimativer Antizionismus verhindert in der Region diese Möglichkeit
und bedient in Deutschland rechtes Denken.
Max Brym
|
|