aiz
c/o infoladen landshut
wagnergasse 10
84034 landshut
antikapitalistische internationalistische zusammenarbeit in der region landshut | redaktion@a-i-z.net (pgp-Schlüssel)
"Ich war ein fähiger junger Killer" - die andere Seite der USA
von ah    20.12.02

Es war zu den Zeiten des Vietnamkriegs. Die USA waren in Indochina in die Fußstapfen der Kolonialmacht Frankreich getreten, um den Befreiungskampf der Vietnamesen mit der Überlegenheit einer fast unbegrenzten Militärmaschinerie zu unterbinden. Für die politische Führung der USA war es damals unvorstellbar, der Guerillaarmee eines Landes der Peripherie nicht gewachsen zu sein. Die Arroganz der Pentagongeneralität konnte auf jedes neue Desaster nur mit einer Ausweitung des Krieges, mit noch mehr Truppen und ausgedehnteren Flächenbombardements antworten. Millionen Menschen in Vietnam hatten diese Aggression mit dem Tod zu bezahlen. Aber auch in die USA wurden 50 000 Särge zurückgebracht. Eine weitaus größere Zahl von Wehrpflichtigen der US-Armee überlebte den Einsatz verkrüppelt. Viele wehrpflichtige GI’s waren ihrer Situation als Angehörige einer Aggressionsarmee nicht länger gewachsen, pumpten sich mit Drogen voll und schafften es auch nachder Militärzeit nicht mehr, in eine bürgerliche Existenz zurückzukehren, tauchten ab in das Heer der Entwurzelten.

Mit der Verschärfung des Krieges hatte sich auch eine immer breitere und zunehmend lautstarke Antikriegsbewegung entwickelt, die dem Staatsapparat die Legitimationsbasis für den Krieg bei Teilen der Bevölkerung entzog. Die andere USA hatte sich in vielfältigen Formen zu Wort gemeldet: Massenhaft , unüberseh- und hörbar. Spektakuläre Aktionen radikaler PazifistInnen häuften sich. So übergoss etwa eine AktivistInnengruppe 1967 in Baltimore Einberufungsakten mit Blut. Baltimore ist auch heute noch ein Zentrum der Antikriegsbewegung. Die Gruppe wurde bekannt als „Baltimore Four“. Ein Jahr später machten sie wieder Schlagzeilen, als die inzwischen auf neun Personen angewachsenen KriegsgegnerInnen in Catonsville Wehramtsakten mittels Feuer vernichteten. Schon damals verfolgte das FBI auch gewaltfreie Gruppen mit allen Mitteln der Staatsgewalt und versuchte sie mit hanebüchenen Verschwörungstheorien zu kriminalisieren..

Zwei der kreativsten Radikalpazifisten waren die Gebrüder Berrigan. Aus christlicher Überzeugung führten die beiden Kleriker ihren antimilitaristischen Kampf über Jahrzehnte.

Während sich zu Vietnamkriegszeiten die Medien noch für die Bewegung um die Berrigan – Brüder interessierten, verschwand deren Engagement immer mehr aus den Schlagzeilen. Erst als einer der beiden Brüder, Philip Berrigan, vor wenigen Wochen starb, erinnerten ein paar Blätter an die Lebensgeschichte dieses bemerkenswerten Mannes. Die Süddeutsche Zeitung widmete ihm einen Nachruf in Verbindung mit einer kurzen Zusammenfassung der wichtigsten Stationen seines Lebens.

Es wird wird auf seinen Kampfeinsatz während des 2. Weltkriegs und seine Teilnahme an der Invasion in der Normandie als Artillerieoffizier hingewiesen, wo er auch für seinen Einsatz befördert wurde. „Ich war ein fähiger junger Killer, dachte damals, das ist es, was ein Patriot tut.“ (zit. nach SZ, 14.12.02)

Nach seiner Beteiligung an den Aktionen von Baltimore und Catonsville werden Philip, sein Bruder Daniel und die anderen Beteiligten u.a. wg. Zerstörung von US-Staatseigentum zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. 1970 taucht er unter, nachdem seine Berufung verworfen worden war. Er wird gefasst und wieder ins Gefängnis gebracht. Während seiner Haftzeit wird er 1971 vom FBI-Boss J. Edgar Hoover der Ko-Verschwörung angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, die Entführung Henry Kissingers geplant zu haben sowie die Sprengung der Versorgungsgänge unter dem Kapitols-Gebäude. Da diese Phantasiegebilde vor Gericht nicht belegt werden können, verknackt man ihn wg. Hinausschmuggelns von Briefen aus dem Gefängnis. Insgesamt verbringt er 11 Jahre seines Lebens in Gefängnissen.

1975 endet der Vietnamkrieg, kein Grund für die Berrigans und ihr politisches Umfeld, die Hände in den Schoß zu legen. Sie verlegen den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten auf den Widerstand gegen Massenvernichtungswaffen. 1980 hämmert Ph. Berrigan zusammen mit 7 weiteren Aktivisten auf Gefechtsköpfe ein und übergießt die Atomraketen dieser Anlage mit Blut. Es erfolgt eine Anklage wegen Verschwörung, Einbruchs und kriminellen Unfugs. Aktionen dieses Formats bringen ihm nach 1980 insgesamt 7 Jahre Gefängnis ein. Am 14. Dezember 2001 wird er entlassen . Zwei Monate, nachdem bei ihm Leber-u. Nierenkrebs festgestellt wurde, stirbt er im Kreis derer, die mit ihm das Leben teilten.

Philip Berrigan verkörpert die andere Seite der USA. Auf sie hinzuweisen ist wichtig, weil wir als Linke nicht nur die imperialistische Politik der USA denunzieren. Wir sind gleichzeitig solidarisch mit den gesellschaftlichen Kräften in den USA, die sich den Aggressionsbestrebungen ihrer herrschenden Klasse widersetzen. Wir verweigern uns einem plumpen Antiamerikanismus und verneigen uns mit großem Respekt vor den mutigen Persönlichkeiten dieses Landes, zu denen auch Philipp Berrigan gehört.


Angesichts der immer dreisteren Kriegsdrohungen von Seiten der Regierenden in Washington gegen den Irak muss unser Bestreben sein, die Antikriegsbewegung zu stärken und Widerstand zu organisieren.

 

imi-online

Informationsstelle Militarisierung

www.imi-online.de